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Züriost-Blog

Jetzt ist es passiert!

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 29. April 2020, 13:38 Uhr Züriost-Blog

Gestern hat mich der Blitz getroffen.

Ich komme von meinem abendlichen Spaziergang nach Hause, blicke zum ersten Mal an diesem Tag in den Briefkasten und verfalle in Schockstarre. Da ist ein Brief. Adressat: ich. Absender: Schutz und Rettung Zürich.

Zitternd öffne ich das Couvert. Meine unruhigen Augen überfliegen den Inhalt und sehen die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Es ist passiert! Ich muss einrücken! Und nein, unter dem Feld «Dienstbezeichnung» steht diesmal nicht wie üblich «Altersheim» oder «Aktiv Plus» (das ist der in der Regel gemächliche Taxi-Dienst für Senioren). Nein, es steht CATA CORONA COVID-19. Das ist relativ unzweideutig.

Der Absender lässt das Blut gefrieren: verhängnisvolle Post nach Feierabend.

Zwar fiel mir plötzlich wieder ein, dass ich schon im letzten Herbst eine Dienstanzeige für diesen Juni erhalten hatte. Von Corona war da aber natürlich noch nicht die Rede. Und auch sonst hat mich dieses Aufgebot auf dem komplett falschen Fuss erwischt. Ich dachte, ich wäre «abgeschlichen».

Was hatte ich Blut und Wasser geschwitzt, als der Bundesrat am 16. März den Lockdown verkündet hatte. Als Viola Amherd von der «grössten Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg» sprach und der Kanton kurz darauf bekannt gab, «alle verfügbaren Kräfte» für den Zivilschutz aufzubieten.

Liess alles und jeden mobilisieren, sogar den Autor: Bundesrätin Viola Amherd.

Während meine Kollegen feixten und auf einen sofortigen Marschbefehl für mich hofften,  setzte bei mir das Kopfkino ein. Ich sah mich in einer riesigen, zur Notaufnahme umfunktionierten Turnhalle. Irgendwo in Andelfingen oder Knonau, weit weg von meinem Stadtzürcher  Wohnquartier und meinem geschätzten Oberländer Arbeitsumfeld. Um mich herum tobt die Seuche und in meiner schreiend hässlichen oliv-orangen (!) Uniform werde ich zum Kanonenfutter in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist.

Ich gebe es an dieser Stelle etwas beschämt zu, dass ich mir kurz darauf auch einen persönlichen Exit-Plan ausmalte: Haare färben, Schnauz stehen lassen, untertauchen. In den Bündner Bergen zum Beispiel. Oder gleich in einem Kibbuz am toten Meer.

Aber das befürchtete Aufgebot kam nicht. Ich atmete auf, überlegte aber, wieso. Und bis gestern hatte ich eine wunderbare Theorie:

Das letzte Mal in den Zivilschutz einrücken musste ich im letzten November. Für lediglich zwei Tage, Donnerstag und Freitag. Am Donnerstagabend wollte ich mich jedoch am Uster Märt treiben lassen und dann am Freitagmorgen… nun ja… «etwas später kommen». Für den Zivilschutz-Gruppenleiter hatte ich deshalb schon am Donnerstag beim Einrücken eine wunderbare Bauchweh-Geschichte parat.

Leider aber kannte mich der Leiter. Er war ein hohes Tier bei der BDP Uster und regelmässiger ZO/AvU-Leser. Wäre ich am Abend jovial am Uster Märt herumstolziert und hätte angeheitert meine Spuren hinterlassen, wäre dies garantiert bis zu ihm durchgedrungen. Es gab also kein Entrinnen.

Mein damaliges Pech aber, so dachte ich, war nun in der Corona-Krise mein grosses Glück. Ich ging davon aus, dass der BDPler als ranghoher Zivilschützer seine schützende Hand über mich gehalten hatte und ich deshalb nicht zum Katastropheneinsatz aufgeboten wurde. Er wusste, dass Uster mich braucht! Als Repräsentant der vierten Gewalt in der drittgrössten Zürcher Stadt! Als systemrelevanter Mitarbeiter des grössten Medienhauses in der Region!

Nun ja, diese Illusion ist am gestrigen, verregneten Dienstagabend geplatzt. Ich bin jetzt wohl tatsächlich systemrelevant – nur etwas anders, als ich mir dies ausgemalt hatte.

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