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Ui, was denkt der wohl von mir?

Züriost-Blog

Ui, was denkt der wohl von mir?

Thomas
Bacher
Sonntag, 26. April 2020, 12:00 Uhr Züriost-Blog

Eine angenehme Begleiterscheinung des Älterwerdens ist, dass es mir mit zunehmenden Lebensjahren zunehmend egaler ist, was andere Leute von mir denken. Denn ich habe erkannt: Was andere in einem sehen, ist im höchsten Masse von der subjektiven Wahrnehmung, der Weltanschauung und den Komplexen des Betrachters bestimmt. Weil ich sehr attraktiv bin, empfinden mich zum Beispiel manche Menschen als Bedrohung, was wiederum deren Einschätzung meiner Persönlichkeit und meines Schaffens überlagert.

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Von der Sorge um die Aussenwahrnehmung befreit, wäre eigentlich ein weitgehend freies und unbeschwertes Leben möglich. Doch je weniger mich die Meinung der Mitmenschen interessiert, desto mehr mehr sorge ich mich darüber, was die Algorithmen von mir denken. Das sind eiskalt berechnende Bastarde ohne Ego, ohne Gefühle, ohne Komplexe, die die Menschen nach klar definierten Parametern beurteilen und einteilen. Eine Täuschung ist nicht möglich – Algorithmen sind das perfekte Spiegelbild.

Algo vergisst nie

Damit dieses Bild auch meiner Eigenwahrnehmung entspricht, bin seit einigen Jahren sehr darauf bedacht, wie ich mich im Internet verhalte, wonach ich suche, was ich bestelle. Oder wohin ich verreise. Denn Algo – ja, so nenne ihn inzwischen – sieht und hört alles. Ich würde zum Beispiel gerne mal den norwegischen Luftkurort Pen Isver Laeng Erung besuchen, getraue mich aber nicht, im Internet danach zu suchen, weil Algo das missverstehen könnte. Und mir dann in den Werbefenstern Angebote von chirurgischen Dienstleistern einblendet.

Man muss wirklich höllisch aufpassen, denn Algo vergisst nie. Es ist jetzt mehr als zehn Jahre her, dass ich für meinen Neffen einen Song des damals noch rappenden Sido runtergeladen habe. Seither denkt Algo, dass ich den mag und informiert über jede neue Veröffentlichung. Was ich jedes Mal als Demütigung erachte.

Das ist also das Bild, das Algo von mir hat. Ich bin entsetzt! (Foto: Pixabay)

Damit der Algo meines bevorzugten Musikstreamers nicht schlecht von mir denkt, höre ich mir Musiktipps von Kollegen immer mit einem separaten Benutzerkonto an, das Algo nicht zu mir zurückverfolgen kann. Nur so ist garantiert, dass in meinen Hörempfehlungen nicht plötzlich irgendwelcher Latin- oder Deutschrock-Mist auftaucht.

Immerhin hat meine Lieblings-Onlinezeitung ihren Algo mittlerweile entlassen. Dessen personalisierten Lese-Empfehlungen – blutrünstige Blaulichtmeldungen, Geschichten aus dem britischen Königshaus, Betroffenheitsgejammere – haben mich nämlich in tiefe Selbstzweifel verfallen lassen, bloss weil ich mich vielleicht ein, zwei Mal beim Lesen vertippt habe. Also wirklich.

Weiberliteratur? Echt jetzt?

Um kein Risiko einzugehen, bestelle ich seit Jahren ausschliesslich Bücher, die von Männern oder Virginie Despentes geschrieben wurden. Das wirkte sich positiv auf meine Buchempfehlungen aus, die wirklich verdammt cool sind.

Oder vielmehr waren: Denn vor einigen Wochen legte mir der Algo meines Lieblings-Buchdealers wie aus dem Nichts «Heimkehr auf die Kamelien-Insel» von Tabea Bach ans Herz. Was denkt der über mich? Dass ich schwul bin? Ich hätte gerne gegoogelt, was homosexuelle Männer so lesen, hatte aber Angst davor, den Google-Algo auf eine falsche Fährte zu lenken.

Stattdessen beschloss ich, Gegensteuer zu geben und bestellte Sachen, die nur echte Kerle bestellen würden. Jetzt habe ich zu Hause drei brutal scharfe Deluxe-Jagdmesser, das Lebenswerk von Charles Bukowski, eine Jahresabo des Grill-Magazins, einen Tigertanga, einen 200-seitigen Powernap-Ratgeber, XXXL-Kondome. Und der Kühlschrank ist voll mit Kalbfleisch aus einer besonders bestialischen Hinterhof-Schlachtung. Dazu suchte ich im Internet nach Angeboten für Basejumping und Wrestling mit Grizzlybären.

Doch weder die Verantwortung für den Tod von Tierkindern noch die Verachtung gegenüber dem eigenen Ableben scheinen Algo männlich genug zu sein. Denn was bekomme ich diese Woche als Buchempfehlung? «Eine Sommerliebe in Schweden» von Mia Jakobsson! Da kann man schon ins Grübeln kommen. Vielleicht bin ich es ja, der durch seine subjektive Wahrnehmung und seine Komplexe sein wahres Ich total verkennt? Nun, ich hab mir das Buch jetzt bestellt. Mal sehen.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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