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Zum Schweigen fehlen die Worte

Züriost-Blog

Zum Schweigen fehlen die Worte

Lea
Chiapolini
Mittwoch, 08. April 2020, 10:20 Uhr Züriost-Blog

Ich hatte mir so fest vorgenommen, in diesem Blog nicht über das Coronavirus zu schreiben. Corona hier, Corona da, in Schlagzeilen, Blogs, TV-Beiträgen, auf Social Media. Dabei sehnen wir uns alle in dieser Zeit doch nach möglichst viel Normalität – oder zumindest danach, was «Normalität» bis vor ein paar Wochen noch war. Wie sie in Zukunft aussehen wird, ist schwer zu sagen.

Sagen, sprechen, schwatzen. Ich merke es selber, es fällt schwer, sich nicht permanent über die Coronakrise austauschen zu wollen. Auch wenn man sich beim Znacht gegenseitig verspricht, nun mal bewusst nicht über dieses Thema zu diskutieren, ist man spätestens nach 2 Minuten wieder mittendrin.

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Sogar wenn ich alleine bin und versuche, mich mit anderen Tätigkeiten abzulenken als über das Coronavirus zu lesen, zu schreiben oder zu denken, kann ich die Krise nicht ganz abschütteln. So stehe ich in meinem Garten, rupfe rigoros Unkraut aus und denke, dass ich jetzt gfälligst weiterjäten muss, auch wenn mich die Lust längst verlassen hat, andere Menschen haben schliesslich nicht mal einen Balkon. Und wenn ich jetzt nicht im Garten bin, ist das nämlich gemein denen gegenüber, die sich wünschten, auf dem eigenen Grundstück etwas Gras unter den Füssen zu spüren.

Schweift mein Blick dann über die unzähligen Blumen und Blüten, die momentan in ihrer ganzen Frühlingspracht die Welt verschönern, wandern auch die Gedanken sofort wieder zu «wenigstens daran kann man sich noch erfreuen». Aber spätestens, wenn ich mich frage, ob ich wohl dieses Jahr mehr Tomätli für mich ernten kann, als dass sie den Schnecken zum Opfer fallen, weil ich jetzt ja SO VIEL ZEIT HABE, um Schneckenpolizei zu spielen, gebe ich auf.

Ja, ohne Kinder, die es zu beschäftigen gilt, ist es einfacher, zuhause eine kleine Insel der Normalität aufrecht zu erhalten. Aber wem mache ich etwas vor. Ich spaziere zwar jeden Morgen einmal um den Weiher vor meinem Haus, um mir die Illusion eines Arbeitsweges zu basteln, bevor ich – zurück in meiner Küche – mir einen Kaffee mache, um damit ins Homeoffice im ersten Stock zu gehen.

Mein neuer «Arbeitsweg» führt mich einmal um den Schönauweiher in Wetzikon. (Foto: Lea Chiapolini)

Aber Homeoffice bleibt nun mal Homeoffice. Und wenn ich in meiner Agenda wenigstens eintrage, wann ich im Wohnzimmer alleine zu Fitnessapps herumgehopst bin, nur damit im Kalender überhaupt noch Termine stehen, sehe ich all die durchgestrichenen Feste, Konzerte und Theater, auf die ich mich jetzt hätte freuen wollen.

Normalität – ein Begriff der wohl in den nächsten Wochen und Monaten neu definiert werden muss. Es wird sich zeigen, ob wir in dieser Zeit der ausserordentlichen Lage wirklich als Gesellschaft irgendeinen Schritt weiter gekommen sind. Ob wir gelernt haben, auch mit weniger zufrieden zu sein und was wir haben, mehr zu schätzen. Ich zweifle daran.

Bis es soweit ist, reden wir weiter darüber, was ist, was war und was eventuell noch sein wird. Denn zum Schweigen fehlen uns allen momentan die Worte.

Lea Chiapolini will doch eigentlich gar nicht so viel. Nur ein schönes Leben, gutes Essen, viel zu lachen und ab und zu etwas zu motzen. Und natürlich immer Recht haben. Aber dies ist ihr erstes Leben. Sie übt noch.

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