×

Von euch lasse ich mir doch nichts vorschreiben!

Züriost-Blog

Von euch lasse ich mir doch nichts vorschreiben!

Thomas
Bacher
Sonntag, 05. April 2020, 11:15 Uhr Züriost-Blog

Jetzt ist sie also da, die Anti-Haltung. Und ich muss sagen, es hat recht lange gedauert, wenn man bedenkt, dass das bei mir ein ärztlich beglaubigtes Problem ist. Als ich mich damals von der RS drücken wollte, legte ich mich bei einem Psychiater auf die Couch, er hat gefragt, ich hab erzählt, dann kamen diese seltsamen Bilder, die man deuten sollte, und am Schluss stand da auf dem Blatt Papier, dass ich ein infantiler Neurotiker mit einer ________ (Fachbegriff, vergessen) und einer ___________ (Fachbegriff, vergessen) Verweigerungshaltung sei.

Hier gehts zu allen Züriost-Blogs >>

Der Psychiater hat dringend dazu geraten, noch ein paar Sitzungen dranzuhängen, aber mein vordergründiges Ziel war, dass man mir keine Waffe in die Hand gibt, und das sollte mit diesem ärztlichen Zeugnis doch eher unwahrscheinlich sein.

Und jetzt muss man also zu Hause bleiben. Ganz unbedingt, imfall. So richtig getriggert wurde meine Anti-Haltung durch diese Aufforderung am Anfang allerdings nicht, da mir das Geselligkeitsgetue mit dem dauernden Umarmen und Küsschen-links-Küsschen-rechts-Küsschen-links und Kuschibuschi sowieso gewaltig auf die Nerven geht und ich mich auch zu Hause betrinken kann.

Doch dann kam der Zeitpunkt, als nicht mehr nur Berset & Koch sagten, man solle nicht mehr raus. Nein, auf einmal kreischten das auch die 18-jährigen Radiopraktikantinnen ins Mikrofon. Oder irgendwelche grenzdebile Influencer. Und jetzt auch noch Gölä. Nein, sorry, irgendwo hat es Grenzen.

Jetzt darf man also nicht mal mehr seine eigene Frau schlagen. Ja gahts no? (Symbolfoto: Pixabay)

Und dann diese andauernden Tipps – als wären wir in der Krise allesamt zu sabbernden Kleinkindern geworden, die Dauerbemutterung brauchen: «So klappt es mit dem Homeoffice», «Damit verhindern Sie Ehekrisen», «Homeschooling leicht gemacht». Jetzt ist es also plötzlich nicht mehr okay, wenn man das Kind in den Keller sperrt, weil es schon wieder Multiplikation mit Addition verwechselt hat? Und soll das heissen, ich darf meine Frau nicht mehr schlagen, obwohl sie schon wieder das Essen hat anbrennen lassen? Und das, wo sie doch jetzt weiss Gott genug Zeit hat, um in der Küche zu stehen.

Und dann soll ich mich auch noch duschen und mir die Zähne putzen, bevor ich mit dem Homeoffice beginne, weil man mit diesem Ritual angeblich von der Privat- in die Berufswelt wechselt. Also im Kopf. DENN RAUS DARF MAN JA NICHT MEHR! Aber wisst ihr was, IHR BESSERWISSER UND KLUGSCHEISSER? Jetzt dusche ich grad extra nicht mehr. Und die Zahnbürste gebe ich dem Kind, damit es damit den Kaninchenstall putzen kann, NACHDEM ES HEUTE ZUM WIEDERHOLTEN MAL VERBEN MIT ADJEKTIVEN VERWECHSELT HAT!

Ihr Weicheier!

Okay, okay, ich beruhige mit wieder, tut mir leid. Durchatmen. Ein. Und wieder aus. Es ist eben so, dass ich grad ziemlich mit den Nerven am Ende und extrem frustriert bin, weil ich mit der aktuellen Situation nicht so wirklich gut klar komme. Dafür schäme ich mich richtig. Und auch für alle anderen Jammeris. Weicheier seid ihr!

Ich kenne da nämlich so einen Typen, der ist Autist, und der reibt sich grad ungläubig die Augen. Normalerweise ist er es, der das Gefühl hat, als hätte sich die ganzen Welt gegen ihn verschworen. Und jetzt hat sich diese Welt doch tatsächlich in eine Richtung entwickelt, die für ihn einigermassen ertragbar wäre: Kein Körperkontakt, alle halten Abstand, niemand rempelt einen im Zug an, alles ist nur noch halb so laut wie früher. Noch vor zwei Monaten war Homeschooling strengstens verboten, jetzt ist es Pflicht. Termine werden ganz selbstverständlich per Skype wahrgenommen.

Blöd nur: Früher oder später wird die Welt wieder in ihren früheren Zustand zurückfallen, und dann wird das, was wir Wohlstandsverwahrlosten für die schlimmste Zeit unseres Lebens halten, wieder zur Normalität für die rund 80 Millionen autistischen Menschen auf diesem Planeten. Das als kleiner Nachtrag zum Welt-Autismus-Tag. Der war am 2. April, hat natürlich niemand mitgekriegt, weil grad alle mit sich selber beschäftigt sind.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

Kommentar schreiben

Kommentar senden
Alle Kommentare anzeigen