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Die Stunde der Diktatoren

Züriost-Blog

Die Stunde der Diktatoren

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 01. April 2020, 11:47 Uhr Züriost-Blog

Die Krisenzeit ist die Zeit der echten und verkappten Diktatoren. Nicht nur in Ungarn, wo Viktor Orban die Coronakrise nutzt, um seine ohnehin schon beträchtliche Machtfülle weiter auszubauen. Nein, auch in den Regionalzeitungen fordern Leser in Leserbriefen mittlerweile «mutige, benevolente, demokratisch gewählte Diktatoren».

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Der Zürcher Regierungsrat trägt dieser Grundstimmung Rechnung: Er hat den Exekutiven in den Gemeinden jüngst ausdrücklich mehr Kompetenzen eingeräumt. Stadträte – oder in kleineren Gemeinden Gemeinderäte – sollen in diesen Tagen quasi diktatorisch durchregieren können. Ohne sich in einem Ratssaal hyper-kritischen Parlamentariern oder in einem «Bären»-Saal bellenden Wutbürgern stellen zu müssen.

Baut seine Machtfülle derzeit weiter aus: Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban.

Zugegeben, es folgte umgehend die Klarstellung, dass es sich dabei eben nicht um einen «Persilschein» für die Exekutiven handle. Nicht einmal Kredite für Schwimmbad-Renovationen sollen diese eigenmächtig sprechen dürfen. Also doch keine diktatorischen Vollmachten.

Aber hey, das hier ist ein Blog und vor Kurzem habe ich von einem Kollegen gelernt, dass Blogs von einem weisen Werbetexter (sic!) auch schon als «Klowände des Internets» bezeichnet wurden. Also lasst uns in diesen bierernsten Zeiten doch die Phantasie nutzen und mit dickem Filzer an die digitalen Klowände schreiben, was denn die Regierung in der Region so tun würden, wenn sie für eine gewisse Zeit uneingeschränkte Macht hätten:

Uster: Kulturtempel à la chinoise

Es mag ein böses Gerücht sein, aber manche behaupten, die Mehrheit der amtierenden Stadträte empfände mehr Zuwendung für die lokale Kulturszene, als für das lokale Gewerbe. Im diktatorisch regierten Uster wären es deshalb wohl die ambitionierten Pläne für das Zeughausareal, die nun nach chinesischem Vorbild in die Tat umgesetzt werden. In Wuhan wurde in wenigen Tagen ein Spital aus dem Boden gestampft? Dann schafft Uster einen neuen Kulturtempel in wenigen Stunden! Da sowohl die Vertreter des «alten» Kulturlebens (Museen) als auch die Aushängeschilder der neuen, hippen Kultur mitanpacken würden, würden auf der Zeughaus-Baustelle sogar die Abstandsvorschriften eingehalten.

Könnte jetzt blitzartig hochgezogen werden: Der neue Kultursaal auf dem Zeughausareal.

Wetzikon: Anti-Rotlicht-Metropole

Das «Zentrum des Oberlandes» ist wohl die amerikanischste Stadt des Kantons, zumindest wenn man auf das Standing der Autofahrer abstellt. Trotz zahlreicher Baustellen stehen die Zeichen nur in wenigen Gemeinden derart auf Durchfahrt und kaum sonst wo dürfte die Fussgängerstreifen-Dichte niedriger sein. Diesen Gedanken könnte der Stadtrat nun zumindest auf Gemeindestrassen diktatorisch vorantreiben und als Standortfaktor hervorheben: Wenn Amsterdam die Rotlicht-Metropole Europas ist, so ist Wetzikon die Stadt mit den kürzesten Rotlichtphasen für Autofahrer überhaupt!

Bäretswil: Das Zermatt des Oberlandes

Es heisst gerne mal, dass grosse Infrastrukturprojekte in Demokratien heutzutage fast nicht mehr möglich sind, man führe sich nur mal das Zürcher Stadion-Hick-Hack vor Augen. Also sollte gerade eine kleine «Berggemeinde» wie Bäretswil die Gelegenheit beim Schopf packen und die Landschaft für den Tourismus öffnen. Bäretswil – das Zermatt des Oberlands! Klingt gut oder? Mehrere Achter-Sessellifte würde reiche Ustermer Kulturschaffende auf Ski-Urlaub durchs Ghöch führen. Dazu käme eine Schneekanonen-Dichte, mit der sich bei Bedarf die bei den Bäretswilern nicht immer populäre Nachbargemeinde Bauma einschneien liesse. Es Troimli!

Volketswil: Kaum Raum für neue Ideen

Die Zeiten des Ausnahmezustandes böten dem Gemeinderat die Chance, ein hochmodernes, pompöses Verwaltungsgebäude aus dem Boden zu stampfen. Dann könnte er sich einen prächtigen Restaurant- und Hotellerie-Betrieb zu eigen machen und diesen mit einer Ahnengalerie der Gemeindepräsidenten schmücken. Zu guter Letzt könnte er Beträge für eine Lokalzeitung sprechen, die ihm gewogen ist und die er über einen Ausschuss mitgestalten kann.

Ach so, ein mächtiges Verwaltungsgebäude gibt es bereits in Volketswil...

Wie bitte, Sie sind der Meinung, dass diese Pläne bereits in die Tat umgesetzt wurden (Volketswil) oder gänzlich unambitioniert und unoriginell sind? Schicken Sie uns Ihre eigenen, diktatorischen Pläne für die Gemeinden in der Region! Als Preis wartet auf Sie eine Erwähnung in diesem Blog, über den der Autor quasi-diktatorische Gestaltungsmacht verfügt.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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