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Das Radiostudio unter der Bettdecke und andere Corona-Gedanken

Züriost-Blog

Das Radiostudio unter der Bettdecke und andere Corona-Gedanken

Redaktion
Züriost
Sonntag, 29. März 2020, 10:01 Uhr Züriost-Blog

Es wäre überhaupt kein Problem, einen lustigen Text zu schreiben über unseren Alltag in der Coronakrise. Wirklich nicht. Auch schwierige Zeiten haben ihre schönen und komischen Seiten.

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Ich könnte zum Beispiel beschreiben, wie mein Mann und ich in unserem improvisierten Home Office parallel zwei Skype-Konferenzen haben und froh sind, als endlich die Verbindungen stehen – und wie unsere Kinder sie wieder zum Zusammenbruch bringen, indem sie in ihren Zimmern ein Hörspiel auf Spotify starten. Vielleicht fänden Sie auch die Vorstellung lustig, wie wir Eltern als Simulation des Schulweges und zwecks Frischluftzufuhr morgens um 8 Uhr vor dem «Unterricht» auf dem leeren Vorplatz unserer Siedlung herumturnen – während besonders der Sohn (er ist hart an der Grenze zur Vorpubertät) genervt unter seiner Frisur hervorschaut, die gezielt ein Auge bedeckt. Grossartig auch die Momente, wo ich etwas für meinen Job beim Radio vertonen muss und zum Vermeiden von Hall und Nebengeräuschen mit Mikrofon und Text unter die Bettdecke krieche (wenn Sie schon die Vorstellung lustig finden, sollten Sie mal die Fotos sehen). Gitarrenstunden durchs Telefon wären wohl allein einen Blog wert oder auch mein Versuch, gleichzeitig der Online-Vorlesung meines Studiums zu folgen, einen Beitrag fürs Radio fertig zu machen und dabei den Kindern Mittagessen zu servieren.

Lustige Texte könnte ich also auch jetzt schreiben und werde ich auch wieder. Aber im Moment beschäftigen mich andere Themen mehr. Zum Beispiel der Wert der Bewegungsfreiheit; das Privileg, unbegrenzt draussen unterwegs sein zu können. Ausgangssperren sind in vielen Ländern Alltag; mancherorts drohen einem bei Missachtung buchstäblich, Bomben auf den Kopf zu fallen. Ich würde auch gerne über das Glück schreiben, in einer gemütlichen Wohnung zu leben und nahe an See und Wald, wo man genug Platz hat, um Abstand zu halten. Ich habe selten so viele Menschen (in Kleinstgruppen) auf dem Vitaparcours im Ustermer Wald angetroffen.

Mich beschäftigt auch der unermüdliche Einsatz der Pflegerinnen und Pfleger in unseren Spitälern. Die Tatsache, dass sie nicht gut bezahlt sind. Und dass sich jetzt zeigt, dass dies nicht einfach ein individuelles Problem ist, das man mit der Berufswahl umgehen kann: Unser System braucht die Pflegenden so sehr, dass anständige Löhne und Arbeitsbedingungen im Interesse aller sind, auch jener, die wie ich in einem Bürostuhl sitzen und mehr verdienen. Dasselbe lässt sich natürlich über die Menschen im Detailhandel sagen und unsere Lehrkräfte. Oder finden Sie es total easy, die Kinder zuhause zu schulen?

Die Zuwanderung, über die gerne geschimpft wird – die leichte Beklemmung, wenn die Ärztin oder der Arzt hochdeutsch spricht – ein gutes Blog-Thema im Moment, denn was würden wir bloss machen ohne die vielen Deutschen und anderen Zugewanderten in unserem Gesundheitssystem?

Auch aus den gefährdeten Grosseltern liesse sich ein Text machen. Jetzt, wo die vielen Omas und Opas – vor allem Omas – zwangsweise als Babysitter ausfallen, zeigt sich, wie sehr sich Eltern und wie sehr sich die Schweizer Wirtschaft auf diese Gratisarbeit verlässt. Und wie wenig Politik und Wirtschaft bisher getan haben, um dafür zu sorgen, dass auch Eltern (besonders Mütter) noch als dringend gesuchte Fachkräfte arbeiten können. Denn gerade die Branchen, die die Schweiz in der Krise am Laufen halten – die Pflege, der Detailhandel, die Primarschule – werden zu einem beträchtlichen Teil von Frauen getragen.

Ich könnte auch darüber schreiben, wie wertvoll es ist, vertrauenswürdige Zeitungen und Radiosender zu haben. Wo natürlich auch nur Menschen arbeiten – wo diese Menschen aber alles daran setzen, ehrlich und korrekt zu informieren. Die vielen Fake News, die kursieren, lassen vielleicht eine Rückbesinnung auf klassische Information zu. Und darauf, dass auch Information etwas kostet, wenn sie seriös beschafft und aufbereitet sein soll. Was nützt eine Gratisnews, wenn sie falsch ist?

Einen guten Blog ergäbe sicher auch die verwunderliche Beobachtung, wo überall Home Office plötzlich möglich ist. Auch wenn mir die Grenzen durchaus bewusst sind (ich bekomme sie im Moment fast täglich zu spüren, wenn die Wände auf mich zukommen) finde ich es schon erstaunlich, wie schnell Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber vom «es gaht leider nöd» zum «es mues jetzt sii» gewechselt haben. Auch in unserem Betrieb sind plötzlich Dinge möglich, die man nicht für möglich gehalten hätte. So ist etwa die Tonqualität meiner Radiobeiträge von unter der Bettdecke tadellos, im Gegensatz zu meiner Frisur, wenn ich nach der Aufnahme wieder hervorkrieche.

Jetzt bin ich doch wieder beim Komischen gelandet. Das macht nichts, Lachen darf und muss weiterhin sein. Ich berichte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dann auch gerne darüber, wie ausgerechnet Robidogsäckli und Jogginghandschuhe uns Radiomenschen im Kampf gegen Corona-Ansteckungen helfen. Beim nächsten Mal. Bis dahin: Bleiben Sie gesund, und lachen Sie ein bisschen, wenn Sie das nächste Mal unter die Bettdecke schlüpfen!

Isabelle Maissen fragt nicht, ob sich Beruf und Familie vereinen lassen. Sie packt einfach alles ins Leben, was ihr wichtig scheint: Den abenteuerlichen Alltag mit zwei Schulkindern, einen Job, der jeden Tag anders daherkommt und viel Auslauf in Form von sportlicher Betätigung. Manchmal liegt auch etwas Schlaf drin. Der Ehemann «hilft» nicht im Haushalt, sondern erledigt genauso selbstverständlich seine Hälfte, wie sie ihre Hälfte zum Einkommen beiträgt. Die Ehe funktioniert trotzdem und die Kinder wirken soweit unbeschädigt.

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