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Hamstertänze

Züriost-Blog

Hamstertänze

David
Kilchör
Montag, 23. März 2020, 10:25 Uhr Züriost-Blog

Ich finde die Coronakrise eigentlich recht spannend, so aus beobachtender Sicht, und auch aus journalistischer. Doch zeitgleich missfällt sie mir, weil die Menschen sich dabei so egoistisch verhalten. Das Virus bringt das Schlechteste aus ihnen heraus.

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Das schlägt sich insbesondere in den Hamsterkäufen nieder. Die Leute packen ungefähr 200 Dosen Mais ins Wägelchen und hauen gleich noch 55 Pack Toilettenpapier obendrauf. Fragt man sie, was das soll, behaupten sie, das sei ihr klassischer Freitagabendeinkauf.

«Echt jetzt, 200 Dosen Mais?», fragt man zurück. Und bekommt ein: «Joa, ich mag das Zeug halt schon sehr gern» retour. Dasselbe sagen die mit den 572 Dosen gehackten Tomaten und die mit den 737 Pack Teigwaren. Was man nicht alles innert einer Woche verdrücken kann.

Persönlich kann ich den Hamsterimpuls überhaupt nicht verstehen. Ich meine: Das Zeug steht letztlich nur irgendwo rum. Im Keller oder so. Und 100 Jahre lang Mais oder gehackte Tomaten zu essen, ist auch kein Schleck. Das gilt genauso für Toilettenpapier.

Kommt dazu, dass Herr Berset mit seinen treuherzigen Augen nicht müde wird, zu betonen, dass es genug für alle habe. Weshalb glaubt ihm bloss keiner? Wobei: Das hat mein Mami auch immer gesagt und dann wurde es trotzdem knapp, weil mein Bruder hamsterte. Und genau das ist ja der Punkt. Wenn niemand hamstern würde, hätte es genug für mich. Die Hamster sind Schuld, wenn Leute wie ich am Ende zu wenig haben.

Aber von diesem Gedanken lasse ich mich natürlich nicht antreiben, wenn ich einkaufen gehe. Nein, ich habe eine kleine Liste, die mir klar vorgibt, was eingekauft wird, wie viel davon – und was nicht. Ich halte mich zwar nicht immer zu 100 Prozent daran, aber von Hamsterkäufen sollte sie mich eigentlich abhalten.

Als ich am Käseregal vorbeikomme, gerate ich dann doch plötzlich ins Grübeln. Da hats jetzt wirklich nur noch zwei von den Migros-Budget-Mozarelli. Hmm. Auf meinem Zettel steht: 1x M-Budget-Mozzarella. Wenns nur noch so wenig hat, ist es womöglich sinnvoll, genügend davon nach Hause zu bringen. Jedenfalls scheint das eine Mehrheit der Menschen zu finden – und gemäss meinem demokratischen Verständnis hat die Mehrheit immer Recht. Ausserdem: Mozzarella kann man ja jederzeit gebrauchen.

Schliesslich weiss man nie, wann man das nächste Mal Mozzarella findet in unseren Läden. Gerade jetzt, in diesen Zeiten. Und überhaupt. Das Gefühl ist einfach reizvoll, den letzten aus dem Regal zu schnappen. Jawohl. Heute gibt’s zwei Mozzarelli. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Zuhause dann: «Hey, ich hab mir grad noch den letzten Mozzarella gekrallt, gut gell!» Meine Frau: «Aber du hast ja zwei genommen, ich hab nur einen aufgeschrieben.» Ich so: «Ja, ich dachte, das können wir schon brauchen. Keine Ahnung, wann wir das nächste Mal Mozzarella in die Hände bekommen. Und hey, es waren die letzten zwei. Das ist ein Glücksfall für uns!»

Glücksfälle gibt’s in diesen Tagen ohnehin zu wenig. Eröffnet sich einem also ein Mozzarella-Schnäppchen, muss man zugreifen. Wer weiss schon, was noch auf uns zukommt.

Der Gedanke an die Zeit nach Corona ist ohnehin unreal, kaum fassbar. Ich würde gerne die Uhr so weit nach vorn drehen, dass ich nachträglich begreifen könnte, was jetzt gerade mit uns passiert und ob ich mich dabei mehr oder weniger menschlich verhalte. Kann ich aber nicht. Mein Geist ist auch zu klein, um die Zukunft zu erahnen. Eins zumindest lässt sich mit Sicherheit antizipieren: Ich brauche Klopapier.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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