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Züriost-Blog

Von Hamsterern und Hardlinern

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 04. März 2020, 16:14 Uhr Züriost-Blog

Die hiesigen Grossverteiler führen derzeit unfreiwillig Corona-Sonderwochen durch. Das Apfelmusregal in der Migros Uster? Leer. Pasta in der Migros Rüti? Nur noch sperrige Eiernudeln erhältlich. Spaghetti und Penne sind vergriffen. Das gefürchtete, blitzschnell vorrückende Coronavirus – es lässt einige Schweizer zu vorratsbunkernden Wühlern werden. Zu Hamsterern eben.

Spärliche Büchsen-Auswahl: Regal in einer Ustermer Migros.

Klar, man kann ob diesem Alarmismus den Kopf schütteln. Genauso wie über all jene eigentlich besonnenen Zeitgenossen, die plötzlich einen pathologischen Händewasch-Zwang entwickeln, der über die vom Bundesamt für Gesundheit vorgeschriebene Reinigungskadenz hinausgeht. Oder über Bekannte und Verwandte, die eine Verabredung absagen, weil man am Telefon kurz gehustet hat.

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Allerdings: Dass das Virus unsere Urängste berührt, ist durchaus nachvollziehbar. Es geht schliesslich um unser höchstes Gut: unsere Gesundheit. Und dass diese bei uns plötzlich flächendeckend auf dem Spiel steht, ist ungewohnt.

Das Bewusstwerden der eigenen Verletzlichkeit wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, um Mitgefühl und Solidarität mit jenen zu schulen, die ebenfalls verletzlich sind.

So läge es eigentlich auf der Hand, zumindest ein bisschen die eigene Phantasie zu bemühen und die Corona-Krise mit der Lage in Nordsyrien und an der griechischen Grenze in Zusammenhang zu bringen. Wer zum Beispiel fordert, dass man die Flüchtlingsfrage in der Türkei «vor Ort lösen» müsse, könnte kurz inne halten und sich vorstellen, wie sich ein Coronafall in einem jetzt schon engen türkischen Flüchtlingscamp auswirken würde.

Auf politischer Ebene scheint es zurzeit aber keinerlei Raum für derartige, keinesfalls weit her geholte, Gedankenspiele zu geben. Stattdessen erhalten die Schutzsuchenden vom offiziellen Europa jene Botschaft, die man auch Viren gerne entgegenschreien würde: «Bleibt uns bloss vom Leib!»

Vor dem Hintergrund, dass in unseren Breitengraden momentan die Unsicherheit, bei einigen gar die Hysterie grassiert, ist es doch bemerkenswert, wie kaltherzig gleichzeitig mit Jenen verfahren wird, die man «weit weg» wähnt.

Dies sollte sich zumindest vor Augen führen, wer in Sorge um das eigene Wohl die Vorratsregale leer räumt. Für sich hamstern und gleichzeitig anderen gegenüber den Hardliner geben – diese Kumulation von Egoismus ist fast schon quarantänebedürftig.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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