×
Züriost-Blog

Huldigt dem Verpönten!

David
Kilchör
Sonntag, 19. Januar 2020, 10:27 Uhr Züriost-Blog

- «Warum sollte der Weihnachtsmann gerade bei einem Stutzer wie dir als Erstes Station machen?»

- «Weil ich einen höchstmodernen Turbokamin in der Lotterie gewonnen habe. Der Zieht wie eine Eins, sage ich dir. Saugt wie ein Saurier, dichtet die Reklame!»

- «Schwätzer! Was dein kümmerlicher Kamin kann, hat meiner doch schon lange drauf!»

- «Von wegen! Mein Kamin schlotet, da erlischt jeder Vulkan vor lauter Scham!»

- «Du solltest dich schämen für den Stuss, den du redest!»

Witziger, wortgewandter Dialog. Da eine Alliteration, dort ein Antropomorphismus und eine Metapher – und die Sprache ist weder elitär kompliziert, noch infantil einfach. Fand ich zumindest, als ich die Zankerei zwischen Donald Duck und seinem Vetter Gustav Gans in einer jüngeren Ausgaben des «Lustigen Taschenbuchs» las.

Hier gehts zu allen Züriost-Blogs >>

In meiner Kindheit waren Comic-Bücher und -Hefte omnipräsent. Micky Maus, Asterix, Tim und Struppi – sie alle werden bis heute von vielen Zeitgenossen als banale Dummmachliteratur, Fast Food zwischen zwei Buchdeckeln sozusagen, abgetan. Keine thematische Relevanz, kein Sprachgefühl, also auch kein Bildungseffekt, vielmehr Verblödungsstoff.

Das, liebe Leserinnen und Leser dieses ebenso thematisch irrelevanten und bildungsarmen Gefässes, ist kompletter Schwachsinn. Natürlich gibt’s Schund in Comicform. Aber den gibt’s auch im reinen Textmantel – und das noch viel häufiger. Denn schreiben kann am Ende seiner Schulkarriere jeder. Zeichnen nicht.

Über europäische Kulturen und Eigenheiten habe ich dank Asterix auf anschauliche Weise mehr gelernt als in der Schule. Micky Maus‘ Zeitmaschine hat mich überdies historisch umfassender gebildet als ein guter Teil meines Geschichtsunterrichts dies tat – von Pharao Tutankhamun bis hin zu Leonardo da Vinci oder Ferdinand Magellan bekam ich als Primarschüler schon einen einfachen Einblick in Wirken, Kleidung, Herkunft berühmter historischer Figuren. Literarische Verschalkungen mit Micky und Donald in Hauptrollen, etwa Leo Tolstojs «Krieg und Frieden», Oscar Wildes «The Importance of being Earnest» oder Charles Dickens‘ «Christmas Carol», weckten mein Interesse an den Originalen schon früh.

Und schliesslich ein Wort zur Kritik an der Sprache: Die langjährige Übersetzerin des Donald-Duck-Universums, Erika Fuchs (sie schrieb die deutschen Comicdialoge von 1951 bis 1988) hat sich nicht nur durch zahllose literarische Reverenzen in den Sprechblasen ausgezeichnet. Die Frankfurter Allgemeine huldigte der Frau übrigens gar mit regelmässig in ihrem Feuilleton publizierten Donald-Duck-Zitaten in schöngeistigem Kontext.

Vielmehr hat die Donald-Duck-Sprache dank Erika Fuchs gar eine eigene Bezeichnung erhalten – wenngleich etwas scherzhaft. Die Übersetzerin nutzte Worte, um bildlich schwer Darstellbares trotzdem direkt erlebbar zu machen. Dies in Form von auf den Wortstamm verkürzten Verben. Das funktioniert für Geräusche mit Worten wie «Raschel», «Knatter» oder «Stöhn» – also im Grunde einer Form von Onomatopoesie. Oder aber bei psychischen, geräuschlosen Vorgängen mit Ausdrücken wie «Schluck» oder «Bibber». Dieser so genannte Inflektiv wird heute in Anlehnung an die Erfindern als «Erikativ» bezeichnet und ist dank ihr zu einem präsenten Teil der deutschen Sprache geworden – zum Unmut puristischer Sprachliebhaber.

Comicliebhaber indes leiden bis heute unter der im deutschen Sprachraum verbreiteten Verteufelung ihrer bevorzugten Leseform. Im französischen oder englischen Sprachraum ist das anders. Zwar gibt es auch dort einen grossen Unterschied zwischen anspruchsvoller Graphic Novel und leichter Volksliteratur, wie bei normalen Büchern. Doch kulturell hat sich der Comic als ernstzunehmende Kunstform längst etabliert.

Weshalb das dort so ist und hier nicht, kann ich nicht nachvollziehen. Deutschsprachige Kleingeister, vielleicht. Oder elitäres Kunstmäzentum, das die deutschsprachige Kulturgesellschaft finanziell definiert. Vielleicht eine zu grosse Lobby der klassischen Literatur, die den Comic als Gefahr fürs Buch respektive die Bildung betrachtet.

Aber Bildung kanalisieren zu wollen, ist spätestens im digitalen Zeitaler zum Kampf gegen Windmühlen verkommen. Zum Glück, sonst müsste ich mich ja schämen, Comics zu mögen.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

Kommentar schreiben

Kommentar senden