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Züriost-Blog

Eliten unter sich

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 08. Januar 2020, 11:08 Uhr Züriost-Blog

Eigentlich habe ich mir für diesen Blog einen Neujahresvorsatz gefasst: Mehr Ernsthaftigkeit! Schluss mit kruden Analogien zwischen Welt- und Lokalpolitik; Schluss damit, Ereignisse wie die Gelbwestenproteste in Paris und die missratene «Mega Dino Live Show» in Uster in einem Atemzug zu nennen.

Aber manchmal weckt die regionaljournalistische Tätigkeit nun mal bizarre Assoziationen. Auch diese Woche war das wieder so, als wir im Team diskutierten, wie wir über das WEF berichten wollen.

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Kurze Klammer: Gemeint ist effektiv das allgemein bekannte Weltwirtschaftsforum in Davos nicht das VEF (Volketswil Economic Forum), das 2019 erstmals in der Volketswiler Gries-Halle durchgeführt wurde. Das Davoser WEF ist für uns lokaljournalistisch deshalb relevant, weil auf dem Flugplatz in Dübendorf während der WEF-Tage Business-Jets stationiert sind, die mehrere B-Promis in die Bündner Berge fliegen. Klammer geschlossen.  

«VIP Shuttle» auf dem Flugplatz Dübendorf während des letztjährigen WEF. (Christian Merz)

Also, wir machen uns Gedanken über das WEF und da in unserem Team nicht nur hemdsärmlige Regionaljournis mit gutem Schuhwerk sondern auch soziologisch interessierte Schöngeister mit Rabattkarte im Kulturhaus Kosmos vertreten sind, schweifte die Diskussion bald ab. Es ging nicht nur um den Flugplatz Dübendorf, sondern auch um abgehobene Eliten, politische In- und Exklusion und Gespräche hinter verschlossenen Türen.

Und just da passiert es: Mich erreicht ein Anruf des Mitorganisators des Ustermer Neujahrsballs. Er teilt mir mit, dass Journalisten am diesjährigen Neujahrsball nicht erwünscht sind.

In diesem Zusammenhang sollte man wissen, dass der Ustermer Neujahrsball der wahrscheinlich glamouröseste Gesellschaftsanlass in der Region ist. Hochrangige Vertreter der regionalen Politik und des Gewerbes werfen sich in Schale, gönnen sich ein Acht-Gang-Menü und schwingen auf dem Stadthofsaal-Parkett das Tanzbein. Angeblich soll der Anlass einigen auch zum «networken» dienen. Kurz: Wenn es so etwas wie ein Oberländer Pendant zum WEF gibt, ist es der Ustermer Neujahrsball.

Glanz und Eleganz: Der Ustermer Neujahrsball im Stadthofsaal.

Und wie die globale Elite am WEF schottet sich nun also auch die lokale Elite am Neujahrsball ab. Immerhin muss man den Ustermer Organisatoren lassen, dass sie im Gegensatz zu den «Davoser» Veranstaltern transparent kommunizieren. Die Ustermer Lokalprominenz soll «möglichst unbeschwert und ohne Rummel feiern können», so die offizielle Begründung für den Presseboykott am Neujahrsball. Klar, man kann sich fragen, ob «Rummel» das richtige Wort ist. Unsere Korrespondenten erinnern sich jedenfalls nicht daran, am Ball jeweils einer Meute vom «Spiegel» oder von «Russia Today» begegnet zu sein.

Trotzdem ist die Neujahrsball-Absage befriedigender als die Argumentation, mit der die WEF-Organisatoren im letzten Jahr den Ausschluss der Kollegen von der «Wochenzeitung» (WOZ) begründeten. Da wurde eine gravierende Einschränkung der Pressefreiheit mit fadenscheinigsten Argumenten («zu späte Anmeldung») gerechtfertigt.

Aber ja, vielleicht ist die Analogie zwischen WEF und Neujahrsball doch fehl am Platz. Schliesslich wird für die Gala im Stadthofsaal jeweils auch nicht das Ustermer Zentrum abgeriegelt und mit Soldaten besetzt. Und Inlandflüge vom Flugplatz Dübendorf zum Ustermer Stadthofsaal würden im Glattal niemals toleriert – weniger wegen umweltpolitischer Bedenken, als wegen nachbarschaftlicher Missgunst.

Vielleicht sollte ich mich doch konsequenter an meine eigenen Vorsätze halten und zweifelhafte Vergleiche zwischen lokaler und globaler Bühne unterlassen.

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