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Ein Tscholi im Bundeshaus

Züriost-Blog

Ein Tscholi im Bundeshaus

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 04. Dezember 2019, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Am Montag musste ich mich entscheiden: Bundeshaus in Bern oder Gemeinderatssaal in Uster? Vereidigung des neuen Nationalrats oder Debatte über das Ustermer Budget? 

Klare Sache, ich entschied mich für Bern. Aare statt Aabach! Ölgemälde statt Topfpflanzen! Polit-Glamour statt Kleinstadt-Gezänk!

Pompös: Das Ölgemälde im Nationalratssaal von Charles Giron.

Und zumindest der erste Eindruck enttäuschte mich nicht: Diese akribischen Sicherheitskontrollen von Bundesbeamten, die dem Besucher das Gefühl gaben, er trete soeben einen Flug in der Business Class an; Dieses Treiben auf den Medientribünen; Ganz anders als im Ustermer Parlament, wo auf fast schon rührende Weise jeweils für mehrere Zürcher Zeitungstitel Namensschilder aufgestellt werden, obwohl doch seit Jahren sowieso nur die Tscholis vom «Anzeiger von Uster» (also wir) kommen.

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Für kurze Zeit fühlte ich mich angekommen auf dem Olymp der Bedeutungsschwere.

Dann begannen die Probleme.

Mein Handy hatte keinen Saft mehr und der Akku-Zugang war mit Staub verstopft. Zum Glück hatte ich zur Kommunikation mit der Aussenwelt mein Notebook dabei.

Doch dann der nächste Schock: Internetzugang gibt es im Bundeshaus nur auf Bestellung. Also ab zum Ratsweibel. Dieser drückte mir allerdings nur eine Telefonnummer des eidgenössischen IT-Supports in die Hand. Dabei war mein Handy doch tot…

Ich musste raus. Einen Mobile-Shop aufsuchen, um mein Handy entstauben zu lassen. Doch direkt vor dem Bundeshaus gab es keinen solchen Laden und danach googeln konnte ich nicht. Erklärung überflüssig.  

Also Planänderung. Zurück ins Bundeshaus und jemanden um Hilfe bitten. Aber nun wurde die Sicherheitskontrolle zum Problem: «Bitte Einladung vorweisen!», meinte der grimmige Bundespolizist. Ich: «Hab ich auf dem Handy und dieses hat kein Akku mehr.» Er: «Kein Laptop dabei?» Ich: «Doch, aber hier hat man ja kein Internet.» Er: «Wieso machen Sie keinen Hotspot mit dem Handy?» Ich: «Handy hat kein Akku mehr.» Er: «Dumm gelaufen.»

Spätestens jetzt überkam mich wahnsinniges Heimweh nach Uster. Ich musste an die unprätentiöse Schiebetür des Stadthauses denken, die jedem Besucher Einlass gewährt. An den hilfsbereiten Ratsweibel, der mir Mineralwasser eingeschenkt hätte, statt mich schroff in die Schranken zu weisen.

Schlicht, aber für alle zugänglich: Der Ustermer Gemeinderatssaal.

Meine Probleme konnte ich schliesslich lösen. Dank einem hilfsbereiten Sicherheitsangestellten, der mir in einem Zelt vor dem Bundeshaus seine Steckdose zur Verfügung stellte.

Wieder im Bundeshaus kam ich zum Schluss, dass ich im Nationalrat nichts verpasst hatte. Später sollte sich herausstellen, dass die Budgetdebatte in Uster offenbar weit spannender gewesen wäre. Einem Ustermer Parlamentarier wurde gar mit der Polizei gedroht. Das kann auch sämtlicher Bundeshaus-Pomp nicht aufwiegen.

Ereignisreiche Lokalpolitik: Dem Ustermer Gemeinderat Paul Stopper wurde am Montag das Mikrofon abgedreht.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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