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Forever Young

Züriost-Blog

Forever Young

David
Kilchör
Sonntag, 17. November 2019, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Vor wenigen Tagen fuhr ich mit meinem Bruder für drei Tage nach Löwen. Löwen ist eine belgische Stadt, von deren rund 100‘000 Einwohnern etwas mehr als die Hälfte Studenten sind. Kein Wunder, ist hier doch die grösste Uni des Landes beheimatet. Schlendert man durch die verkehrsfreien Strassen im Zentrum, fahren einen ständig jugendliche Radfahrer fast über den Haufen. Alles Studenten.

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Die Cafés sind Studentencafés mit abgewetzten Vintage-Sofas und lehnenfreien Holzhockern. Die Restaurants sind Studentenrestaurants mit üppig befrachteten Burgerkarten oder veganen Quiche-Variationen. Und die Bars sind Studentenbars, spezialisiert auf die sonderbarsten Gins und die dazu passenden Tonic-Wässerchen. Auf dem Zapfhahn gibt’s nicht das traditionelle Leffe, sondern das IPA der Kleinbrauerei aus Antwerpen. Und die Boxen beschallen einen mit Elektro-Pop oder Indie-Rock aus dem Spotify-Untergrund.

Das behagt mir durchaus. Und doch bin ich mit meinen 39 Jahren hier ein Alien. Die postpubertären Pickelgesichter auf ihren Zweirädern blicken mir irritiert nach, wenn ich vor einem Kleiderladen mit dem Wort «Bear» im Namen stehenbleibe. Die Kaffeeröster behandeln mich dafür besonders zuvorkommend, weil sie spüren, dass ich ihren Kaffee in Bohnenform auch tatsächlich zu verarbeiten weiss. Und der Plattenhändler schiebt mir unaufgefordert eine Ladung günstiger Rolling-Stones-Occasionen zu, nachdem er ein paar Teenagern grad die sauteure neue Dan Deacon verkauft hat.

Ich mag sowohl Deacon als auch die Stones, Leffe genauso wie IPA. Aber hier fühle ich mich schon eher alt als jung. Und ich frage mich, was die richtig alten Leute in dieser Stadt eigentlich treiben, also die im Rentenalter oder drüber. Vermutlich keinen French-Press-Kaffee schlürfen. Und auch nicht den Rhabarber-Gin mit dem Rosmarin-Tonic-Water kombinieren. Und schon gar nicht den Jackfruit-Burger im grünen Avocado-Kartoffel-Bun ausprobieren. Aber was dann?

Die Antwort auf meine Frage kommt unverhofft.

Während ich durch die Kleidermeile ziehe, muss ich aufs Klo und schaue auf Google-Maps, wo das nächste Café liegt. In einer versteckten Ecke, 70 Meter von meinem Standort entfernt, zeigt das Handy eins an.

Ich finde die Ecke. Ein schwarzer Storen verdeckt den Eingang, vor dem ein halbes Dutzend grauhaariger Männer mit halbvollen Leffe- und Stella-Artois-Gläsern an beheizten Tischen sitzt und Pfeifen oder Zigaretten raucht. Ich betrete die Bar. Cliff Richard trällert mir einen Schlager aus den 1960er Jahren ins Gesicht. «All day I'm walking in a dream, I think about you constantly».

Mein leerer Cappuccino und ein paar alte Menschen in Löwen.

Ich bestelle einen Cappuccino, verschwinde aufs WC, komme zurück. Tom Jones singt jetzt «It’s good to touch the green, green grass of home». Neben mir sitzt ein alter Mann, weisses Haar, die Brille auf die Stirn hochgeschoben, eine Hand am Leffe-Glas, die Augen zu. Er singt mit. Leise, aber doch gut hörbar. Wort für Wort.

Mir gegenüber sitzt ein anderer Senior, struppige schwarze Augenbrauen, fliehendes graues Haar, vor ihm eine leere Kaffeetasse. Engelbert Humperdinck folgt auf Jones und jammert: «I had the last waltz with you, Two lonely people together, I fell in love with you, The last waltz should last forever.» Der Mann blickt ins Leere, schlägt mit einem Finger den Takt, wippt mit dem Kopf.

Da sind sie. Menschen, die hier einst jung waren, jetzt aber nicht mehr. Sie sind in dieser Stadt der zwanghaften Veränderung und ewigen Jugend hängengeblieben. Als Kontrast, als stille Rebellion, vielleicht auch als Liebeserklärung. Die Stadt vergisst ihre Kinder rasch. Ihre Kinder vergessen sie aber nicht – ein bisschen wie das Leben selber. Die Senioren kehren in diesem Café zu jener Erinnerung an ihre Stadt zurück, die sie auf Lebzeiten an sie bindet. Und sie kehren zu ihrer Musik zurück, die sich nie ändert und doch für immer jung bleibt.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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