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Ein Prix-Courage für «Kuschelrichter»

Züriost-Blog

Ein Prix-Courage für «Kuschelrichter»

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 06. November 2019, 15:09 Uhr Züriost-Blog

Der «Fall Carlos» hat einen neuen Begriff ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt: das Sondersetting. In diesen Tagen, wo der Fall vor dem Dielsdorfer Bezirksgericht verhandelt wird, werden hier und da Erinnerungen wach. An die Reporter-Sendung im Schweizer Fernsehen, die das Sondersetting für den damals 17-jährigen Carlos, der eigentlich Brian heisst, aufgriff.

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Es war ein Beitrag, in dem fast sämtliche Bünzli-Albträume filmische Realität wurden: Thaibox-Training für einen Gewalttäter auf Staatskosten! Ein Armani-Deo! Rindsfilet! Dieser Jugendanwalt, der aussah als hätte ihn eine Zeitmaschine aus dem Jahr 1968 ins Jetzt katapultiert! Und dann natürlich die horrenden Kosten von knapp 30‘000 Franken pro Monat.

Gut sechs Jahre, mehrere Delikte und kostspielige Haftaufenthalte später, hat die Stimmung bei Vielen umgeschlagen. «Das Sondersetting abzubrechen war ein Fehler», gab jüngst zum Beispiel eine Luzerner Oberrichterin zu Protokoll. Dem kann schwerlich widersprochen werden. Vielleicht wäre da und dort eine leichte Modifikation angezeigt gewesen, um den Volkszorn abzuschwächen. Pouletfleisch aus Brasilien statt Rindsfilet, Rexona-Roll- statt Armani-Sprühdeo.

Brian alias Carlos aber wurde abrupt aus dem Sondersetting gerissen, ohne Anlass verhaftet und wieder eingesperrt. Das Bundesgericht taxierte dieses Vorgehen später als rechtswidrig. Der Schaden aber war angerichtet und die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, die bis da schon dramatisch genug war, nahm ihren unheilvollen Fortgang.  

Vor dem Hintergrund von Brians Schicksal und dessen Auswirkungen auf andere, mutet die jüngste Diskussion unter Journalisten fast schon akademisch an. Sie drehte sich um die Frage, wie viel Schuld die Medien an der Negativentwicklung haben, die mit dem Abbruch des Sondersettings erst richtig Schwung aufnahm.

Mit der Macht von uns Journalisten ist es so eine Sache: Einerseits stehen wir ja nicht selten im Ruf, feingliedrige und feinfühlige Schreiberlinge zu sein, die sich selbst viel zu wichtig nehmen. Andererseits wird uns die Fähigkeit attestiert, Regierungen zu stürzen und Sondersettings zu beenden.

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, und es liegt mir fern, die Mitverantwortung der Medien im «Fall Carlos» zu leugnen. Mit hetzerischer, ja manchmal schlicht primitiver Berichterstattung spielten einige «Berufskollegen» – das Wort geht mir in diesem Kontext nur mit Scham über die Lippen – in dieser Geschichte eine unheilvolle Rolle.

Aber es gibt eben auch die Behörden und deren Exponenten, wie zum Beispiel der damalige grüne Regierungsrat Martin Graf aus Illnau-Effretikon. Sie knickten vor der Boulevard-Lawine ein und produzierten rechtsstaatlich fragwürdige Schnellschüsse.

Es ist ein Problem, das nicht nur im Zusammenhang mit dem «Fall Carlos» virulent ist: Wenn die Meute «Kuscheljustiz!» ruft und ein Teil der Medien Höchststrafen und harte Hände fordert, spüren hochrangige Behördenmitglieder und Richter einen immensen Druck.

Heikle Entscheide müssen sie meist mutterseelenallein treffen, und öffentlichen Applaus gibt es nur dann, wenn sie irgendwelche Hardliner-Rufe befriedigen («gut so!»). Dabei besteht die eigentliche Leistung oft darin, solchen Rufen zu widerstehen.

Vielleicht ist es an der Zeit, Anreizsysteme zu schaffen, die Standhaftigkeit belohnen. Ein Award fürs Rückgratzeigen gewissermassen – oder ein «Prix Courage für Kuschelrichter», wie ihn spottende Bluthunde dann wohl bezeichnen würden.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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Wenn wieder mal ein verwöhnter und verhätschelter Gewalttäter, welchem Fr. 30000,- pro Monat in den Allerwertesten geblasen werden, vor einem Richter steht sollte sich jener in Erinnerung rufen, wie es zb den Opfern geht. Oder einem ausgesteuerten 60jährigen, oder einem von der IV gepiesakten Verunfallten, werden diese auch so verwöhnt und mit Rücksicht bedacht wie ein unverbesserlicher Psychopath?