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Schluss mit der Neutralität

Züriost-Blog

Schluss mit der Neutralität

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 16. Oktober 2019, 09:42 Uhr Züriost-Blog

Wir Journalisten müssen unparteiisch sein, heisst es immer. Dürfen uns mit keiner Sache gemein machen, «auch nicht mit einer guten». Das Zitat stammt vom verstorbenen Nachrichtenmoderator Hanns Joachim Friedrichs und wird uns gerne um die Ohren gehauen. Dabei ist umstritten, was genau er damit sagen wollte.

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In den letzten Tagen beschäftigte mich die Sache mit der Neutralität stark. Für einen Artikel sprach ich mit Türken und Kurden aus der Region über die Eskalation in Nordsyrien. Im Text kamen verschiedene Menschen mit verschiedenen Meinungen zu Wort. Ich versuchte unparteiisch zu bleiben, wie ich es auch versuche, wenn es um Dreifachturnhallen oder Rossbollen auf Kinderspielplätzen geht.

In diesem Artikel aber ging es nicht um Erste-Welt-Probleme, sondern ums Eingemachte. Um Krieg und Frieden. Da fiel es mir schwer, krude Aussagen neben Aussagen zu stellen, die ich unbedingt teile. So zu tun, als gäbe es hier nur Meinungen, aber kein Richtig und kein Falsch.

Aber was wäre die Alternative gewesen?

Ein Kommentar zum Artikel? Kaum. Den Syrien-Krieg und die Kurdenpolitik des türkischen Präsidenten zu analysieren ist Sache des Auslandkorrespondenten, nicht des Regionalredaktors.

Eine kreative Lösung wäre das Anbringen von Warnhinweisen unter einzelne Aussagen gewesen - wie bei Zigaretten. Ein türkischer Gesprächspartner behauptete im Artikel zum Beispiel: «Wir kämpfen gegen Terroristen!» Da hätte ich hinzufügen können: «Achtung, diese Aussage kann Verallgemeinerungen enthalten, lesen auf eigene Gefahr.»

An anderer Stelle sagte ein Kurde aus Uster: «Unsere Leute haben in Syrien jahrelang gegen den Islamischen Staat gekämpft. Jetzt wird uns nicht geholfen. Das ist einfach nicht fair.» Hätte ich unter diese Aussage in Leuchtbuchstaben ein «EINVERSTANDEN» anbringen sollen?

Es gibt gewichtige Argumente, die gegen solche Methoden sprechen: Der Leser ist mündig und soll sich selbst ein Bild machen. Ein Journalist soll nicht Aktivist sein. Und Meinungen des Schreibenden gehören in Meinungsgefässe.

Dieser Blog ist ein Meinungsgefäss. Gerne will ich deshalb meine Haltung nachreichen, die ich in besagtem Artikel hinter dem Berg halten musste: Es ist traurig und eine Schande, dass die Kurden in Nordsyrien, die für Europa und die USA jahrelang die blutige Drecksarbeit verrichtet haben, von einer Übermacht angegriffen und von ihren Verbündeten im Stich gelassen werden. Es ist traurig, dass man nichts dagegen tun kann.

Habe ich mich soeben zu sehr mit einer Sache gemein gemacht? Vielleicht tut es hier tatsächlich ein Zitat: «Wenn die Existenz der Nation nicht in Gefahr ist, ist der Krieg reiner Mord.» Gesagt haben soll das der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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