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«Ziehen Sie von hier weg!»

Züriost-Blog

«Ziehen Sie von hier weg!»

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 25. September 2019, 14:51 Uhr Züriost-Blog

Die Gemeindeversammlung steht wieder einmal unter Beschuss. In der Seegemeinde Horgen (rund 23‘000 Einwohner) wird demnächst über ihre Ablösung durch ein Parlament abgestimmt. Und auch in der Fast-Food-Gemeinde Volketswil (über 18‘000 Einwohner) gibt es regelmässig kritische Stimmen. Das Argument: Gemeindeversammlungen seien oft schlecht besucht, deshalb nicht repräsentativ und demokratiepolitisch fragwürdig.

Ich selbst bin eigentlich ein grosser Fan von Gemeindeversammlungen. Als ich vor Jahren als Jungjournalist aus dem urbanen Milieu die ersten Mehrzweckhallen (mit Sprossenwänden) oder «Hirschen»-Säle (mit Apéro im Foyer) besuchte, fühlte ich mich ein bisschen wie ein mutiger Front-Reporter, der aus den ländlich-exotischen Gegenden dieses Planeten berichtet.

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Diese Überheblichkeit wich bald einer differenzierteren Sichtweise. Ich lernte, dass man sich im scheinbar kosmopolitischen Zürich mit derselben (bünzligen) Inbrunst über Abfallentsorgung aufregen kann, wie im angeblich provinziellen Mönchaltorf. Nur tut das der Stadtzürcher am Idaplatz bei Zucchini-Feta-Tätschli, während sich der Mönchaltorfer eher im «Ochsen» beim Schweinsrahmschnitzel mit Breitbandnüdeli echauffiert.

Gemeindepräsi auf Knien

Klischees hin oder her: Gemeindeversammlungen sind besondere Veranstaltungen. Sie bieten Dramen und Possen, die nicht nur «fremden Fötzeln» Stirnrunzeln oder Lachfalten ins Gesicht zaubern.

Schauplatz von Dramen und Possen: Gemeindeversammlungen wie hier in Rüti (Hinweis: Um diese Gemeinde geht es im Text nicht).

Da war zum Beispiel jener Stimmbürger mit englischem Akzent, der sich unbedarft, aber mit Feuereifer in den direktdemokratischen Prozess einschaltete. In feinem Zwirn stellte er von der ersten Reihe aus sonderbare Anträge. Man solle den für ein Kunstrasenfeld vorgesehenen Kredit doch lieber für die Schulsozialarbeit aufwenden, und solche Sachen. Manche Eingeborene antworteten mit «Ziehen-Sie-von-hier-weg!»-Zischlauten.

Oder jener Teilnehmer, dem es in einer Beratung über eine neue Bau- und Zonenordnung aus Langeweile plötzlich den Deckel lupfte. «Genug, ich stelle einen Rückweisungsantrag!», blaffte er – und trieb den Gemeinderäten den Angstschweiss auf die Stirn. Denn plötzlich drohte die Laune eines Wutbürgers monatelange Sisyphusarbeit wegzufegen. Der Gemeindepräsident bettelte in der Folge fast schon auf Knien um Ablehnung des Antrags.

«Classe politique» unter sich

Eines ist klar: Werden Gemeindeversammlungen durch Parlamente ersetzt, leidet die Unterhaltung. In Parlamenten ist die «classe politique» unter sich und muss sich nicht mehr länger der Hemdsärmeligkeit stellen. Das kann man durchaus bedauern.

Ein Argument pro Gemeindeversammlungen darf dies aber nicht sein. Werden die Geschicke einer Gemeinde mit über 10‘000 Einwohnern von weniger als 100 Nasen bestimmt, ist dies einfach nicht repräsentativ – egal ob diese Nasen nun engagierte und gewissenhafte Stimmbürger oder wankelmütige Wutbürger mit hohem Unterhaltungswert sind.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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