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Ein Karmakreuz? Dass ich nicht lache!

Züriost-Blog

Ein Karmakreuz? Dass ich nicht lache!

David
Kilchör
Sonntag, 15. September 2019, 10:20 Uhr Züriost-Blog

Kürzlich habe ich ein Interview mit einem Rapper gelesen, der ein Kreuz um den Hals trägt. Er sei zwar kein Christ, sagt er. Aber Karma, ja, daran glaube er.

Ein Karmakreuz also. Dass ich nicht lache.

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Karma, ein Konzept aus Hinduismus und Buddhismus, ist zwar gewissermassen auch im Christentum zu finden, wo das Kreuz herkommt. Was du willst, dass andere Menschen dir tun, das tue auch ihnen - ein Zitat von Jesus aus dem Matthäusevangelium. Es fasst das Ursache-Wirkung-Prinzip von Karma als goldene Regel zusammen.

Aber das Kreuz an sich symbolisiert eine völlig gegenläufige Botschaft zum Karma. Karma heisst: Du baust Mist, du büsst selber dafür. Das Kreuz bedeutet: Du baust Mist, ein anderer büsst dafür.

Welche der beiden Ideen man nun bevorzugt oder plausibler findet, ist mir eigentlich egal. Und wenn jemand die beiden Konzepte in einem widersinnigen Symbol vermengen will, dann sei ihm das unbenommen. Aber das Karmakreuz des Rappers offenbart eben auch eine Art Globalisierungsignoranz der Gesellschaft, die sich insbesondere in religiösen Themen manifestiert.

Das ist stossend, zumal Religion für sich beansprucht, die existenziellen Lebensfragen zu beantworten. Und diese Antworten entsprechen zumindest gemäss Maslows berühmter Pyramide den menschlichen Sicherheitsbedürfnissen. Die sollte man also nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Tut man aber doch. Man sammelt ein bisschen Halbwissen von Nah und Fern, zimmert sich daraus eine eigene kleine Lebensphilosophie mit einem Schuss Religion und Spiritualität zusammen und befriedigt damit sein Bedürfnis an metaphysischem Wohlbefinden. Ganz nach dem Motto: Religion ist ohnehin keine Wissenschaft, weshalb soll sie dann plausibel sein?

Stossend an dieser Haltung ist nicht nur die Gleichgültigkeit, sondern auch die mitschwingende Arroganz. Die Religionscollage des Einzelnen soll der jeweiligen jahrhundertealten Glaubensrichtung als Gesamtes überlegen sein.

Diese Überheblichkeit ist lächerlich dumm, steckt doch in sämtlichen Weltreligionen die grösste Summe an Intellekt, die in den jeweiligen Epochen und Kulturkreisen verfügbar war. Weltreligionen sind in sich stimmiger, als das viele Globalisierungsignoranten wahrhaben wollen. Und untereinander letztlich inkompatibel, was zahllose Religionskriege der Weltgeschichte bis heute zementieren.

Und deshalb nervt er, der Rapper mit seinem Karmakreuz, der sich seinen spirituellen Cocktail irgendwo zwischen Mikro und Drum-Maschine selber schüttelt – und der eine ganze gesellschaftliche Bewegung der Kultur- und Religionsignoranz verkörpert. Ganz nach dem Motto: Ja nicht zu viel nachdenken. Ist ja nur Religion.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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