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Uster und die Nazi-Frage

Züriost-Blog

Uster und die Nazi-Frage

Benjamin
Rothschild
Donnerstag, 12. September 2019, 10:38 Uhr Züriost-Blog

Ich gebe es an dieser Stelle zu: Wenn man als Regionaljournalist Zusammenhänge zwischen dem Regionalen und der grossen weiten Welt herstellen will, dann braucht man manchmal… nun ja, sagen wir eine gesunde Phantasie. Wenn Uster in einem Artikel zum «Venedig am Aabach» wird und ein Neubau im Aatal beim Schreibenden Erinnerungen an Chicago weckt, dann spielen immer auch kosmopolitische Sehnsüchte mit rein – während man in der Zürcher Agglomeration hinter dem Bildschirm sitzt und sich einhändig den Hörnlisalat vom Dorfbeck zuführt.

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Letzte Woche aber war es anders. Da passierte es tatsächlich, dass die Wellen der grossen Politik ins «Kleine» überschwappten. Das gute Abschneiden der Rechtsaussenpartei Alternative für Deutschland (AfD) in den deutschen Bundesländern Sachsen und Brandenburg liess weltweit aufhorchen. Auch – und vor allem – in Uster.

Denn Uster pflegt eine Städtepartnerschaft mit der brandenburgischen Stadt Prenzlau. Dort erreichte die AfD an den Landtagswahlen einen Wähleranteil von über 28 Prozent – und war damit wählerstärkste Partei.

Rechtsextrem, nicht bürgerlich

Stirnrunzeln und Bedenken folgten auf dem Fuss: Will, ja soll Uster als «weltoffene Stadt» eine solche Partnerschaft aufrechterhalten?  

Um die angemessene Antwort auf diese Frage zu finden, muss man erst einmal die ganze, unbequeme Wahrheit auf den Tisch legen: Die AfD ist – gerade im Bundesland Brandenburg – keine bürgerliche Partei, die mit festen Füssen auf den Fundamenten von Rechtsstaat und Demokratie steht. Sie ist rechtsextrem.

Ihr Spitzenkandidat Andreas Kalbitz hat sich jahrelang in rechtsextremen Kreisen herumgetrieben. Andere brandenburgische AfD-Exponenten befinden sich im Visier des Verfassungsschutzes. Es geht bei der AfD in Brandenburg, man kann es nicht anders sagen, auch um die Nazi-Frage.

Der ehemalige Ustermer Stadtpräsident Werner Egli (SVP) und Hendrik Sommer, Bürgermeister der Partnerstadt Prenzlau.

Genau hinschauen

Anders als Deutschland blieb die Schweiz von einer traumatischen Nazi-Terror-Herrschaft verschont. Das führt dazu, dass man hierzulande immer wieder kopfschüttelnd auf das Nachbarland blickt und berechtigte Wachsamkeit als «Nazi-Hysterie» abkanzelt.

Die Stadt Uster sollte diesen Fehler nicht machen – was nicht heisst, dass es keine Argumente für eine Weiterführung der Städtepartnerschaft gibt. Falls diese hilft, die AfD-kritische Zivilgesellschaft in Prenzlau zu stärken, sollte man an ihr festhalten.

Dafür aber gilt es, sich mit den Verhältnissen in Brandenburg vertieft auseinanderzusetzen. Einfach zu behaupten, dass es bei der Uster-Prenzlau-Verbindung um einen kulturellen Austausch und persönliche Freundschaften, nicht aber um Politik geht, reicht nicht. Wer derart entpolitisiert denkt, den wird die grosse Politik am Ende einholen – auch im Kleinen.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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