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Scheisse, bin ich alt

Züriost-Blog

Scheisse, bin ich alt

Talina
Steinmetz
Mittwoch, 28. August 2019, 10:14 Uhr Züriost-Blog

Als ich mich beim Zürcher Oberländer beworben habe, war die Frage nach meinem Alter ein zentraler Punkt des Vorstellungsgesprächs. Ob ich überzeugt sei, dass ich diesen Beruf in einigen Jahren noch ausüben möchte. (Natürlich. Glaube ich.) Ob mir klar sei, dass ich mich behaupten müsse, um ernst genommen zu werden.  (Jup, wurde mir klar. Danke Interviewpartner, der mich mit «schono recht jung für sonen Bricht» begrüsste.)

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Nun, hier bin ich. Und fühle mich sehr gut dabei. Mein Alter ist so irgendwo zwischen «Mist, die Frist für die Steuererklärung läuft aus» und «Soll ich König der Löwen oder Aschenputtel schauen?» Aber das ist okay für mich. Eigentlich. Bis zu meinem Interviewtermin mit einer sechsten Klasse.

Da fahre ich also mit dem Auto auf den Parkplatz der Schule und schnappe mir Kamera, Block und Stift. Im Klassenzimmer angekommen, blicke ich in 20 neugierige Gesichter. «Ou lueg, e Reporterin» höre ich aus einer Ecke. Aus der anderen «Die isch imfall vo de Zitig». Ein erster Indikator, dass ich mich alt fühle: Ich bin nicht mehr so leicht durch einen Job zu beeindrucken wie die Schüler, die mich mit grossen Augen anstarren.  Höchstens, mir steht ein hübscher Pilot gegenüber. Bei allen anderen Berufen kommen mir lediglich Wörter wie Lohn, Arbeitszeit und Arbeitsweg in den Sinn. Gähn.

Von Tom Cruise als Pilot bin ich beispielsweise beeindruckt. Aber wer schon nicht?

Die 12-Jährigen interessiert jedoch vor allem, ob sie etwas sagen können, das später in der Zeitung steht. Bevor ich mit zwei Jungs der Klasse spreche, werfen sie sich Beleidigungen an den Kopf. Und ich verschlucke mich ein wenig. Als ich in der Mittelstufe war, wurde «Scheisse» noch durch das Wort «Mist» ersetzt. Weil «Scheisse» ein böses Wort war. Heute wäre «Scheisse» wohl das kleinste Übel. Weiter gehe ich nicht darauf ein - zuliebe der älteren Leser. Schockiert und ein kleines-mini-bizzeli amüsiert  verlasse ich das Schulzimmer nach dem Interviewtermin.

Auf dem Pausenplatz herrsch reges Treiben. Es wird um die Wette gerannt, um Yu-Gi-Oh-Karten gespielt und seilgesprungen. In meiner Pause in der Redaktion wird lediglich Zeitung gelesen, ganz husch ein Kaffee getrunken oder im allerhöchsten Fall ein Eis geholt. Das ist dann aber Luxus. Gähn, noch einmal.  

Ich unterdrücke den Drang, meine Ausrüstung auf den Boden zu werfen, mich zu den Seilspringenden zu gesellen und den ganzen Tag mit meinen neuen Freunden zu verbringen. Ohne Verkehr, ohne E-Mails, ohne Abgabetermine. Einfach ich und die Schüler, das Springseil und lautes «Wäääh»-Geschrei, wenn ein Mädchen die Pause mit einem Jungen verbringt. Mit einem Seufzen, aber auch Schmunzeln, gehe ich das letzte Stück zu meinem Auto und merke dann, wie mein Handy vibriert. Eine neue Nachricht von meinem Freund: «Hüt Abig, zersch Stüürerklärig und denn Disneyfilm?»

Talina Steinmetz ist das Redaktionsküken. Mit 22 Jahren möchte sie das Wochenende noch voll ausnutzen. Technopartys bis tief in die Nacht, spontane Motorradausflüge und längere Sporteinheiten gehören zur Tages-, beziehungsweise Wochenendordnung. Montags trotzdem fit zu sein, ist ihre Stärke. Und falls das mal nicht der Fall sein sollte, helfen Fotos von Babybüsis oder das Schreiben eines Blogs.

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