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Schwingen nervt

Züriost-Blog

Schwingen nervt

Benjamin
Rothschild
Donnerstag, 22. August 2019, 16:30 Uhr Züriost-Blog

Für einen Blogger ist es wichtig, mit einem Wiedererkennungswert zu punkten und sich so etwas wie eine Blogger-Identität zuzulegen, behaupten Medienexperten.

Für mich könnte es ein Ansatz sein, mich als Nörgler und Spassbremse in der Welt des Sports zu profilieren. Eben noch habe ich für einen nüchternen Umgang mit dem Frauenfussball plädiert, heute will ich mich am Schwingen abarbeiten.

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Und wie schon beim Frauenfussball geht es mir nicht um den Sport an sich. Ich habe nichts gegen Schwinger und auch nichts gegen jene, die an dieser Sportart den Narren gefressen haben. Viele Völker kennen ihre Ring-Traditionen. Was den Japanern der Sumo ist, ist den Westafrikanern das gambische Wrestling ist den Schweizern das Schwingen. Hat alles seine Berechtigung. 

Aber mir kommt es bisweilen so vor, als würde der Schwingsport von einigen als Waffe in einem Kulturkampf missbraucht. Da die bodenständigen und zupackenden Muster-Schwinger als Botschafter der Ur-Schweiz. Dort die selbstverliebten und tätowierten Fussballer als Sinnbild für die degenerierten Städter. Oder «echte Männer» gegen «Pussys», wie es Patent Ochsner-Sänger Büne Huber mal formuliert hat.

Der Polteri verglich in seiner schein-authentischen TV-Wutrede die vermeintlich weinerlichen «Tschütteler» zwar nicht mit Schwingern, sondern mit Eishockeyanern. Die Tonalität seiner Stammtischtirade greifen aber auch zahlreiche Schwing-Sympathisanten auf, die alljährlich vor dem «Eidgenössischen» erklären, «was Fussballer von Schwingern lernen können». Oft begleitet von einem heimattümelnden Unterton.  

Edelweisshemd und Muni: Schwingen ist volkstümlich.

Ich könnte den Kulturkampf auch von der anderen Seite her führen. Dann würde ich als Fussballfan erst zugeben, dass der Fussball nicht nur packende Dramen und verbindende Elemente bietet, sondern auch negative Auswüchse zeitigt. Astronomische Transfersummen, totalitäre Herrscher an Verbands- und Vereinsspitzen, Beschiss und Tricksereien.

Dann würde ich aber sagen, dass das ein Stück weit die Konsequenz ist, wenn eine Sportart die Träume, die Gier, die Leistungen und Verfehlungen aller gesellschaftlichen Schichten  weltweit abbildet. Und dann würde ich das Fazit ziehen, dass zwei gut beleibte, in Edelweisshemden gekleidete Eidgenossen im Sägemehl sicher weniger anecken, als ein besoffener Diego Maradona auf der Ehrentribüne eines mit dubiosen Geldern finanzierten russischen Stadions. Aber dass Letzterer am Ende die Realität der globalisierten Welt eben doch authentischer abbildet, als der auf Authentizität bedachte Schwingerkönig mit seinem Muni.

Aber eigentlich will ich einen solchen Kulturkampf nicht führen. Schliesslich geht es hier nicht um Leitkulturen und Swissness-Debatten, sondern um meine Blogger-Identität.

Ein ausser Rand und Band geratener Diego Maradanoa auf der Ehrentribüne an der WM 2018 in Russland.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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