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Mein herzliches Beileid zum ersten Schultag

Züriost-Blog

Mein herzliches Beileid zum ersten Schultag

Thomas
Bacher
Sonntag, 18. August 2019, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Liebe Schülerin, lieber Schüler, morgen ist Dein erster Schultag. Hoffentlich macht Dir die Schule ganz viel Spass, denn es werden noch 1709 weitere Schultage folgen. Und das ist nur die obligatorische Schulzeit. Gehst Du ins Gymnasium oder machst eine Lehre, kommen noch ganz viele hinzu. 1709: Das klingt erst einmal nicht nach sooo viel. Doch allein um auf 1709 zu zählen, brauchst Du eine halbe Stunde.

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Ach wie dumm von mir, Du kannst ja noch gar nicht auf 1709 zählen. Und wenn doch, dann bist Du wohl ein Streber, und die habens nicht leicht. Früher wurden die verprügelt. Heute gibt es nicht mehr so viel Gewalt. Heute wirst Du im Whatsapp-Chat durch die Mangel gedreht, oder auf Instagram. Und wenn Du Dich dann wehrst und dem Rädelsführer ein paar aufs Maul gibst, hast Du ein halbes Jahr lang einen Sozialarbeiter an Deiner Seite, der beschwichtigend auf Dich einredet und darauf achtet, dass Du Dein Ritalin nimmst.

Sie werden euch sagen, dass es in der Schule so ist wie auf diesem Bild, aber das stimmt nicht.

Du musst übrigens nicht mal ein Streber sein. Wenn Du nicht mit einer körperlichen Abnormität zur Welt gekommen bist, wird sich spätestens in der Früh-Pupertät ein Körperteil nicht so entwickeln, wie Du es gerne hättest. Irgendwann werden auch die anderen auf deine Besonderheit aufmerksam werden. Und dann – siehe oben. Da kann Deine Lehrperson noch so lange von Vielfalt und bunten Elefanten reden.

Ja ja, die Lehrpersonen... Meine Kindergartenlehrerin etwa war eine ganz Liebe. Ihr Freund war allerdings nicht ganz dieser Meinung, denn er hat sie regelmässig verprügelt. Einmal kam er dafür sogar extra im Chindsgi vorbei, was wir Kinder gar nicht lustig fanden. In der Unterstufe war dann eine Frau mit langen orangen Haaren für uns verantwortlich, die immer in bunte Tücher gewickelt war. Nach drei Jahren hatte ich zwar noch immer Mühe, den Schreibstift richtig zu halten, dafür konnte ich indianisch singen, tanzen und sogar kochen.

Das allerdings waren Fähigkeiten, die mir in der 4. Klasse herzlich wenig brachten, denn da hatte ich einen Lehrer der ganz alten Schule, der Kinder mit Lernschwäche, Hasenzähnen oder dickem Bauch gerne blossgestellt hat und auch mal kräftig zulangte, wenn es sich aus seiner Sicht nicht vermeiden liess.

Schon bald werdet ihr die liebe Frau Hugentobler kaum noch wiedererkennen.

Du wirst bestimmt viel bessere Lehrerinnen und Lehrer haben. Wenn auch nicht für lange Zeit. Denn die nette Frau Hugentobler wird vom Leistungsdruck und der ganzen Bürokratie bald so geschwächt sein, dass ihr kleinen Biester zusammen mit euren von Ehrgeiz zerfressenen Eltern leichtes Spiel haben werdet, sie noch vollends zu erledigen. Sie werden dann sagen, Frau Hugentobler sei in den Ferien, in Wahrheit aber sitzt sie in einem Zimmer mit ganz weichen Wänden, wippt mit ihrem Oberkörper und starrt vor sich hin.

Und nun freu Dich auf Deinen ersten Schultag, aber vergiss nicht: Es folgen noch 1709 weitere.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber. 

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