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Lieber Diebe als Petzer

Züriost-Blog

Lieber Diebe als Petzer

David
Kilchör
Sonntag, 04. August 2019, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Mein Freund aus dem Fricktal hat einen mühsamen Nachbarn. Haben wir vermutlich alle, aber der hier ist schon nennenswert. Richtig eklig. Mein Freund hat ein Mäuerchen am Rande seines Gartens errichtet, mit Granitstelen, die treppenartig nach oben formiert sind.

Dummerweise hat er mit den letzten beiden je zehn Zentimeter breiten Stelen den bewilligungsfreien zulässigen Richtwert von einem Meter um 5 Zentimeter überschritten. 20 Zentimeter Granitmauer sind also 5 Zentimeter zu hoch, was meinem Freund beim Bau schlicht entging. Meines Freundes Nachbar hat das jedoch mit einem Messband überprüft und ist mit mehreren Schreiben bei der Gemeinde vorstellig geworden.

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Die Gemeinde, alarmiert durch den nachbarschaftlichen Aufruhr, ging der Sache nach und stellte einen klassischen Fall von irrelevantem, aber unglücklicherweise berechtigtem Lappalientum fest. Mein Freund erzählte mir, wie sich die Vertreter der Behörden für die Umstände entschuldigten. Der Nachbar habe in der Sache leider Recht, wenngleich deren Ausmass natürlich vollkommen lächerlich, ja, vernachlässigbar sei. So oder so: Mein Freund musste eine nachträgliche Baubewilligung für 20 Zentimeter Zaun mit 5 Zentimeter zu viel Höhe einholen. 200 Stutz.

Damit ist die Geschichte an sich erzählt. Sie ist allerdings kein Einzelfall. Mir selber widerfuhr etwa vor einigen Jahren Vergleichbares, als ich ich nicht begriff, dass ich mein kleines Gartenhüttchen hätte bewilligen lassen müssen. Ein anonymer Nachbar monierte das bei der Gemeinde. Die musste deshalb knurrend eine nachträgliche Baueingabe einfordern. Der Effekt: Das 800 Franken teure Hüttchen blieb exakt so wie ich es illegalerweise aufgestellt hatte. Ich musste einfach noch 400 Stutz für Formalitäten drauflegen – womit mein anonymer Nachbar wohl zufriedengestellt war.

Zahllose derartige Bausünden in der ganzen Schweiz sind eindeutig nur dank aufmerksamer Nachbarn rechtmässig geworden. Was wäre unser Land bloss ohne diese kleinen selbst ernannten Dorfpolizisten?

Ganz ehrlich: Ich kann wenig mit Menschen anfangen, die aus Eigennutz absichtlich Gesetze brechen - im schlimmsten Fall noch auf Kosten Anderer. Egoismus ist ein niederer Lebensinhalt. Doch Personen, die Genugtuung daran finden, ihren unbedarften Mitmenschen mittels Rechtsprechung aufgrund formeller Patzer finanziellen Schaden zuzufügen, unterschreiten den moralischen Standard der Gesetzesbrecher nochmals deutlich. Deshalb: Lieber Diebe als Petzer.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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