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Darf man Frauenfussball blöd finden?

Züriost-Blog

Darf man Frauenfussball blöd finden?

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 24. Juli 2019, 09:53 Uhr Züriost-Blog

Der FC Uster hat es wirklich nicht einfach. Nicht nur, weil er zum zweiten Mal innert drei Jahren abgestiegen ist. Nein, da sind auch die Miesepeter, die kaum eine Gelegenheit auslassen, mit dem Finger in der Wunde zu bohren. «Müsste in der drittgrössten Stadt des Kantons fussballerisch nicht viel mehr möglich sein?», wird seit Jahren im Singsang eines Mantras gefragt.

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Ich will deshalb an dieser Stelle eine Lanze für den FC Uster brechen und behaupte: Die desperate, eben abgestiegene erste Mannschaft des FCU würde mit einer Spitzenmannschaft aus dem Schweizer Frauenfussball zumindest mithalten. Diese kühne Vermutung wage ich unter anderem aufgrund der Tatsache, dass die US-Frauennati vor zwei Jahren in einem Testspiel mit 2:5 gegen die U-15-Jungen-Mannschaft des FC Dallas verlor. Und die US-Frauen wurden jüngst immerhin euphorisch als Weltmeisterinnen gefeiert.

Umjubelte Weltmeisterinnen: Spielerinnen der US-Fussballnationalmannschaft.

Nun ist es nicht meine Absicht, auf dem Frauenfussball rumzuhacken. Frauen, die Fussball spielen wollen, sollen dies selbstverständlich uneingeschränkt tun können – ohne mit schrägen Blicken oder plumpen Vorurteilen konfrontiert zu werden. Und dass immer mehr Fussballvereine Frauenmannschaften ins Leben rufen und Infrastrukturen für Mädchen- und Frauenfussball schaffen, ist unzweifelhaft ein Fortschritt.

Trotzdem ist das unkritische Abfeiern fussballspielender Frauen, wie es bei der WM von Medien und Teilen der Öffentlichkeit praktiziert wurde, falsch. Denn die Lobeshymnen fördern die erwünschte Gleichstellung der Geschlechter eben nicht. Sie sind vielmehr ein Hinweis darauf, dass es mit dieser noch weit her ist.

«Besser-geht-es-nicht»-Schlagzeilen und kaum kritische Fernsehkommentare spiegeln die Realität im Frauenfussball nicht wahrheitsgetreu wider. Auch dort gibt es – wie bei den Männern – slapstickartige Spielszenen und Partien von unfassbar schlechtem Niveau. Wer dies nicht wahrhaben will, verhält sich nicht fortschrittlich, sondern erinnert an gönnerhafte Eltern, die ihre Kinder auch bei Missgeschicken loben. «Jööö, das macht ihr aber wirklich gut!»

Gleichstellung, sei es zwischen den Geschlechtern oder im Umgang mit Minderheiten, ist dann erreicht, wenn eine Sache als möglichst normal erachtet und auch so behandelt wird. Im Zusammenhang mit Frauenfussball bedeutet dies zum Beispiel, dass man diesen auch blöd finden können muss (wie den Männerfussball auch). Dass FCZ-Trainer Ludovic Magnin in einem Interview sagen können muss, dass er die Frauen-Fussball-WM nicht verfolgt hat – ohne dass er daraufhin vom Fragesteller gegrillt wird. Oder dass man an ein Frauen-Spitzenteam denselben kritischen Massstab anlegt, wie an die gerne gescholtenen Amateure des FC Uster.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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