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Ranziger Rat – Notvorrat?

Züriost-Blog

Ranziger Rat – Notvorrat?

Lea
Chiapolini
Dienstag, 25. Juni 2019, 07:54 Uhr Züriost-Blog

Ein Blick auf den Teller in meiner Küche, auf dem noch rund 20 Zucker-Eili und ein etwa handflächengrosses Stück Osterhase rumlungern, rief einmal mehr eine Erinnerung an meine Kindheit hervor, besser gesagt an meine Schwester.

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Sie – heute Vegetarierin – brachte es bereits in jungen Jahren nicht übers Herz, die Gesichter ihrer Osterhasen zu essen. Ohren, kein Problem. Sogar der Hinterkopf wurde abgeknabbert. Aber das Gesicht? No way. Die Folge: Während Wochen und Monaten lagen verstaubte Schoggivisagen mit verzerrtem Grinsen in ihrem Zimmer herum, bis unsere Mutter schliesslich ein Machtwort sprach und die kleinen Masken des Grauens in den Abfall wanderten. 

Verstaubte Ostereili zeugen noch heute vom Überfluss an Ostern – das Häsligesicht ist bereits verputzt. (Foto: Lea Chiapolini)

Auch wenn bei mir der Jöö-Faktor eine massiv kleinere Rolle spielt, gibt es doch immer wieder Nahrungsmittel, bei denen ich mich ziere, sie zu verputzen. Der Grund dafür ist jedoch meist, dass es ein teures Salz ist, das ich geschenkt bekommen habe, oder ein spezielles Öl, das ich mir für bestimmte Gerichte aufsparen will.

Diese Produkte kommen oft in so kreativen Designs daher, dass sie zuerst einige Tage oder manchmal sogar Wochen auf meiner Küchenzeile ausgestellt werden. Doch wandern sie erst einmal in den Schrank oder gar einen Stock tiefer in das Vorratsregal, beginnt die Abwärtsspirale. 

«Kluger Rat – Notvorrat», heisst es so schön. Tatsächlich reihen sich in meinem Keller einige Kilo Teigwaren, Reis und Mehl an literweise UHT-Milch, zahlreiche Tuben Mayo und mehrere Honiggläser aneinander – nicht weil ich Angst vor einer atomaren Katastrophe oder einem Bürgerkrieg hätte. Aber wenn ich schon online Lebensmittel bestelle, damit ich sie nicht selber nach Hause schleppen muss, dann eine rechte Menge, damit es sich lohnt.

Wie steht es um Ihre Notvorräte? (Grafik: Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung)

Und mitten in diesem Grundstock befinden sich die Currypaste aus den Ferien vor drei Jahren, der Wasabisenf von Weihnachten 2017 oder die Konfi, die meine Schwiegermutter 2014 einst eingemacht hatte. Während aber Reis und Zucker tatsächlich eine Halbwertszeit von gefühlten hundert Jahren hat, wird das aufgesparte Avocadoöl mit jeder Stunde ranziger.

Dieses Öl musste ich darum vor kurzem wegschmeissen. Und ich sagte mir: Schluss damit. Jetzt wird aufgegessen. Seither stehe ich nicht mehr in der Küche und überlege, was ich kochen soll, sondern im Keller. Dies führt wiederum dazu, dass ich während des ganzen Brunches, den ich ausrichte, nervös hoffe, dass niemand das Ablaufdatum auf dem Senf bemerkt – 14.11.2015. 

Lea Chiapolini will doch eigentlich gar nicht so viel. Nur ein schönes Leben, gutes Essen, viel zu lachen und ab und zu etwas zu motzen. Und natürlich immer Recht haben. Aber dies ist ihr erstes Leben. Sie übt noch.

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