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Die Nacht, in der die Zahnpasta zum Problem wurde

Züriost-Blog

Die Nacht, in der die Zahnpasta zum Problem wurde

Thomas
Bacher
Sonntag, 16. Juni 2019, 12:00 Uhr Züriost-Blog

Die heutige Klimajugend denkt ja, sie habe das Thema Umweltschutz erfunden. Stimmt natürlich nicht. Schon früher gabs grosse und mächtige Bewegungen, die sich für den Erhalt unserer schönen Erde einsetzten. Da war zum Beispiel diese schicksalsträchtige Nacht, an die ich mich noch ganz genau erinnern kann, was einigermassen erstaunlich ist, weil es a) wahnsinnig lang her ist (ich war ein Teenie und wohnte noch bei meinen Eltern) und b) hatte ich einige – sagen wir mal «bewusstseinsverändernde» – Substanzen intus, die dem Erinnerungsvermögen normalerweise nicht so zuträglich sind.

In jener Nacht kam ich also vom Ausgang nach Hause, und aufgekratzt wie ich war, wollte ich mir ausgiebig die Zähne putzen. Doch leider verfehlte die Zahnpasta die Zahnbürste – und landete im Lavabo. Ich musste etwas tun.

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Die einfachste Variante wäre gewesen, die Zahnpasta abzuschlecken oder mit der Zahnbürste aus dem Lavabo zu entfernen und die Zähne zu putzen, so als wäre nichts gewesen. Doch in einer Lebensphase, in der man im Ausgang regelmässig und ganz fest davon überzeugt ist, dass Männer mit schwarzen Anzügen und dunklen Sonnenbrillen hinter einem her sind, ist man auch gegenüber möglicherweise bakterienverseuchten Lavabos nicht ganz so entspannt eingestellt – selbst wenn man in einem hygienisch einwandfrei geführten Haushalt lebt.

Es zeichnete sich ab, dass das Zahnpasta-Problem nicht ganz ohne den Einsatz gewisser endlicher Ressourcen zu lösen war. Doch wie konnte ich mich möglichst umweltschonend verhalten? Ich setzte mich also erst einmal auf mein Bett und begann die verschiedenen Möglichkeiten durchzugehen.

Wird oft unterschätzt: die Zahnpasta.

Nach etwa einer halben Stunde hatten sich zwei grundlegene Lösungswege herauskristalisert. Nummer 1 – die Wegspül-Variante: Die Zahnpasta mit Wasser und dem Einsatz des gestreckten Zeigefingers wegrubbeln. Grundsätzlich war das kein schlechter Ansatz, wären da nicht die vielen Unsicherheitsfaktoren gewesen, wobei die Frage nach der Temperatur des zu verwendenden Wassers besonders heraus stach.

Denn es war klar: Mit warmem Wasser, das eine höhere Energie aufweist, würde ich die Zahnpasta schneller entfernen können. Doch würde die Wasserersparnis die zusätzliche Energie aufwiegen, welche für die Erwärmung des Wassers nötig war? Und was wäre, wenn das Wasser zu heiss würde? Was wenn die Verbrühungen so gravierend sein würden, dass ich mit der Sanität ins Spital musste? Das würde die Umweltbilanz des Unterfangens nicht gerade verbessern.

Nicht ohne Zellulose

Also konzentrierte ich mich auf Lösung Nummer 2: die Wegwisch-Variante. Diese barg bei einer ersten Betrachtung kein vergleichbares gesundheitliches Risiko verbunden mit einer umweltschädigenden Schnellfahrt ins Spital und dem Verbrauch von kiloweise Verbandsmaterial. Doch ganz ohne den Verbrauch von Zellulose schien auch diese Idee nicht umsetzbar. Denn ich fasste die Möglichkeit ins Auge, die Zahnpasta mit einem Blatt WC-Papier kurzerhand wegzuwischen.

Hat sie das Potenzial, die ganze Menschheit auszurotten? Die Zahnpasta.

Aber was sollte ich dann damit machen? Einfach in den Kehrichtsack stopfen? Hatte ich nicht mal irgendwo gelesen, dass bei der Verbrennung von Fluor giftiger Fluorwasserstoff entsteht? Konnte ich es riskieren, durch mein fahrlässiges Handeln die Zukunft die ganze Menschheit in Gefahr zu bringen?

Natürlich wäre es möglich gewesen, die Zahnpasta mit einem Putzlappen zu entfernen. Aber den musste ich ja auch wieder auswaschen, und dann drohte das Verbrühungszenario von Variante Nummer 1.

Reisen wir doch zurück!

Die Sache stellte sich also weit komplizierter dar, als am Anfang gedacht. Deshalb zog ich in Betracht, eine Zeitmaschine zu bauen, ein paar Stunden in der Zeit zurück zu reisen und mein Vergangenheits-Ich davor zu warnen, allzu unvorsichtig mit der Zahnpasta umzugehen. Doch spätestens seit der «Back to the Future»-Trilogie weiss man ja, dass eine solche Begegnung das Raum-Zeit-Kontinuum durcheinanderbringen und das ganze Universum zerstören kann.

Welche Lösung ich schliesslich gewählt habe? Keine der dreien. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Und als ich am nächsten Nachmittag aufwachte und ins Bad ging, war die Zahnpasta weg. Meine Mutter musste sie entfernt haben. Ich habe sie nie gefragt, womit.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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