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Trendy gegen Pimmel-Partys

Züriost-Blog

Trendy gegen Pimmel-Partys

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 12. Juni 2019, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Am Freitag ist Frauenstreiktag, und um das gleich klar zu stellen: Auch wenn ich über den Forderungskatalog mitunter etwas den Überblick verloren habe und einige der Anliegen weit gefasst sein mögen, stehe ich voll und ganz hinter der Sache. Ich halte es für antiquiert, dass wir hierzulande einen Mutterschafts-, aber keinen Vaterschaftsurlaub kennen. Ich verstehe nicht, weshalb es immer noch Firmen, ja womöglich noch ganze Branchen gibt, die Frauen und Männer bei gleicher Qualifikation für die gleiche Arbeit nicht gleich entlöhnen. Und ich finde, dass Männer, die Frauen aufgrund ihres Frauseins weniger zutrauen, nicht an die berufliche oder politische Front gehören, sondern ins Sauriermuseum. Mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitbürgerinnen, so viel ist klar, will ich mich am 14. Juni solidarisch zeigen.

Allerdings ist das mit der Solidarität so eine Sache. Es gibt da eine Website, auf der Medienschaffende ihre Unterstützung für den Streik kundtun können. Gegliedert nach Medienhäuser sind dort die Namen der Unterzeichnenden aufgeführt. Einige Journalistinnen und Journalisten sind auch in einer Bildergalerie abgebildet. Sie halten einen Zettel in die Kamera, auf dem sie Stichworte oder Slogans im Zusammenhang mit dem Frauenstreik niedergeschrieben haben. Die Botschaft: Die Solidarität der Medienwelt mit streikenden Frauen ist nicht nur breit abgestützt. Sie ist auch irgendwie stylisch und «instagrammable».

Das hat nicht mehr viel mit jenen überschaubaren feministischen Zirkeln zu tun, die sich früher in irgendeinem Nebenraum des soziologischen Seminars zusammenfanden, während sich die Gleichaltrigen für eine Studi-Party warm soffen. Das kommt irgendwie alles hipper daher, als jene Frauen, die jeweils am internationalen Frauentag am 8. März bei frostigen Temperaturen auf die Strasse gingen und – zumindest in früheren Jahren – oft weniger waren als 1000.

Protest, der nicht weh tut

Man kann das nun kleinlich oder gar elitär finden, dass ich mich einzig aufgrund der Form nicht an einem Solidaritätsaufruf beteiligen möchte, dessen Stossrichtung ich doch eigentlich teile. Und man kann zu Recht darauf hinweisen, dass ein wirkungsvoller Protest doch gerade breit abgestützt sein muss – das erfordert nun mal einen «anmächeligen» Auftritt. Mehr Instagram als Seminarraum eben.

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Für mich überwiegt am Ende aber das Argument, dass ich mich nicht an einem Aufruf beteiligen möchte, der zwar irgendwie frech und subversiv daherkommt – der am Ende aber doch gratis ist. Es ist ein Protest, der nicht weh tut. Mehr noch: Diese Form des unverdächtigen Massenprotests mit Trendy-Faktor erlaubt es auch branchenbekannten Sexisten, das Gewand des Frauenförderers anzuziehen und sich unter jene einzureihen, die sich öffentlichkeitswirksam gegen das Patriarchat und «Sausage Partys» (auf Deutsch etwa so viel wie «Pimmel-Partys», also Anlässe, an denen nur Männer zugegen sind) aussprechen.

Vielleicht ist das aber alles auch zu weit hergeholt und es dringt in mir lediglich jener Elitarist durch, der sich alle vier Jahre auch an Fussball-WM's zu Wort meldet. Da rege ich mich als Freund des runden Leders jeweils auch darüber auf, wenn Krethi und Plethi in das Gewand jenes Fussballfanatikers schlüpfen, den sie die übrigen vier Jahre verachten. Doch Selbstzweifel hin oder her: Mein Solidaritätsbeitrag wird sich am 14. Juni darauf beschränken, meinen streikenden Kolleginnen im Büro den Rücken freizuhalten. Und vielleicht auf der Geschäftsterrasse einen lila Rauchtopf zu zünden – das wäre optisch ansprechend und hinterliesse hier und da doch ein leichtes Beissen und Kratzen, wie es sich für einen echten Protest gehört.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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