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Diese Angst vor dem bösen Autostopper

Züriost-Blog

Diese Angst vor dem bösen Autostopper

David
Kilchör
Sonntag, 02. Juni 2019, 10:05 Uhr Züriost-Blog

Kürzlich fahre ich in Bäretswil an einen Autostopper heran. Ich habe Platz im Auto, also nehme ich ihn mit. Er wartet an der Bushaltestelle Oberdorf und hat einen furchtbar schweren Rucksack, was ich nur weiss, weil ich das Ding am Schluss der Fahrt aus dem Auto zerren muss, da ich so schlecht parkiere, dass mein Mitfahrer auf seiner Seite die Türe nicht weit genug öffnen kann.

Ich gehe davon aus, dass er ein Tramper ist, von irgendwo auswärts. Etwas verwuschelte Frisur und ein 20-Tage-Bart, dazu dieser Rucksack. Und die Kleidung sieht nicht gerade nach Bürojob aus. Er sagt: «Ha, doch noch einer, der das Zeichen mit dem Daumen kennt.» Ich ziehe eine Augenbraue hoch. «Also das kennt doch jeder.»

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«Ich bin mir nicht so sicher», erwidert er. Früher, da habe er immer wieder den Bus verpasst, als er zur Kantonsschule fahren sollte. Also stand er auch an der Bushaltestelle und hielt den Daumen raus. «Das klappte immer, innert weniger Minuten. Null Problem.» Aber heute. Vorbei mit der Tradition. «Zumindest in der Schweiz.»

«Trampen. Das wär mal wieder was.»

Der Autostöppler

Vielleicht hänge das auch damit zusammen, dass er jetzt älter sei. Er ist zwischen 30 und 40, würde ich schätzen. «Aber ich glaube, die Leute haben Vorurteile gegenüber Autostöppler entwickelt.»

Posti? Nein, VZO-Bus

Ich frage ihn: «Bist du am Trampen?» Er: «Nein. Nur das Posti verpasst. Und jetzt ist der Viertelstundentakt vorbei.» Postautos gibt’s auf dieser Strecke gar nicht, denke ich. Das sind VZO-Busse. Definitiv nicht von hier, der Typ. «Aber trampen», murmelt er vor sich hin, «das wär wieder mal was. Beim Autostöppeln am frühen Morgen kommt man auf gute Ideen.» Es ist kurz nach 8 Uhr.

Ich frage ihn, wo er herkommt. Er sagt, er wohne ob Bäretswil, irgendwo in den Hügeln oben.

Vorurteile. Ich bin auch nicht besser, denke ich mir. Ein Tramper von irgendwo stellt sich als kein Tramper und zwar von hier um die Ecke heraus. Ein erster Blick, eine erste Einschätzung, und die ist kreuzfalsch. Tja.

«Die sitzen alle alleine im Auto, aber halten würde keiner.»

Der Autostöppler

Als ich später im Büro ein bisschen die Autostoppszene in der Schweiz unter die Lupe nehme, stelle ich fest, dass offenbar viele Tramper dieselben Erfahrungen machen. Ein Verein für Schweizer Autostöppler schreibt: «Häufig wird der Autostopper mit folgenden Begriffen assoziiert: stinkend, obdachlos, verrückt, gefährlich, betrunken.»

Drum ist offenbar ein Verein nötig. «Um negative Vorurteile abzubauen», so dessen Zweckbeschrieb. Statistiken zum Thema existieren zumindest in der Schweiz nicht. Nur ein paar mediale Selbstversuche, deren Autoren alle zum selben Schluss kommen: Autostöppeln in der Schweiz ist ein Graus. Manchmal müsse man stundenlang auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Dabei seien die Autos überall. Und alle nahezu leer.

In Nicaragua ist's besser

Das sagt auch mein Mitfahrer. «Ist ja ein Witz. Die sitzen alle alleine im Auto, aber halten würde keiner.» Vor allem die Jungen wollten nichts von Autostöpplern wissen, falle ihm auf. «Ich verstehs nicht. Wäre doch gut für die Umwelt und wenn’s sich ein bisschen einbürgern würde, ergäbe sich auch eine Kultur, dass die spontanen Mitfahrer etwas ans Benzin bezahlen. Dann hätten alle etwas davon.» Er sei gerade drei Jahre in Nicaragua gewesen. «Dort ist das Autostöppeln sozusagen Teil des öffentlichen Verkehrs. Und wer mitgenommen wird, bezahlt.»

Ich nicke mit inbrünstiger Überzeugung und kurve auf den Parkplatz. Autostopp ist eigentlich eine hervorragende Sache fürs Klima und so. Und dieser Typ ist weder obdachlos, noch betrunken oder gefährlich. Er stinkt auch nicht. Und verrückt sind wir ohnehin alle. Dumme Klischees. Wär ich ein Autostöppler, würde ich mich auch darüber ärgern.

Verdächtiger Rucksack. Höchst verdächtig

«Kommst du raus?», frage ich wegen meines Parkversagens. Er: «Ja. Nein. Also nicht mit dem Rucksack zumindest.» Er reicht mir das Ding rüber. Es fällt mir fast zu Boden, als ich es durch die Tür stemme. Dieses unglaubliche Gewicht. Komisch, komisch. Was hat er da drin? Unaufällig taste ich beide Rucksackseiten ab. Dann führe ich ihn wie zufällig an meinem Gesicht vorbei und schnuppere kurz daran. Nichts. Verdächtig. Höchst verdächtig.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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Funktioniert bei mir (w,22) immer noch sehr gut, Kapuze runter Haare zeigen und schön lächeln dann hält meist jemand. sehe ja nicht gefährlich aus. Die meisten sagen dann eben auch dass man das fast nicht mehr sieht und schon gar nich so eine zierliche junge Frau und ob ich denn keine Angst habe so in ein fremdes Auto einzusteigen. Dabei kann ich als Sicherheitsdienst Mitarbeiterin weitaus gefährlicher werden als die meisten wenn was sein sollte :) Aber ja bin da um die Vorurteile zu brechen.