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Die Sache mit dem Tiefenlager

Züriost-Blog

Die Sache mit dem Tiefenlager

Thomas
Bacher
Sonntag, 05. Mai 2019, 08:52 Uhr Züriost-Blog

Derzeit befindet sich ein Grossteil der radioaktiven Abfälle in der Schweiz im Zwischenlager – genannt «Zwila» – in Würenlingen im Kanton Aargau. Die Betreiber nennen es «das sicherste Gebäude der Schweiz», weder Terroristen noch Erdbeben noch ein zufällig an diesem Ort abstürzendes Flugzeug hätten da eine Chance, heisst es. Aber man weiss ja nie, es kann schliesslich dieses oder jenes passieren. Deshalb wird seit Jahrzehnten nach einem geeigneten Standort für ein Endlager gesucht.

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Vor wenigen Tagen hat die Nagra mit Bohrungen für eine atomare Endstation in Bülach begonnen, um zu kucken, wie es da im Untergrund aussieht. Die Nagra, also die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, findet nämlich, dass die so genannte geologische Tiefenlagerung am sichersten ist. Alternativen listet die Nagra auf ihrer Website auf: Verdünnung in der Umwelt, Lagerung im ewigen Eis, im Meer, oder das Strahlenzeugs – kein Scherz – per Rakete im Weltall verschwinden lassen. Mit dieser Argumentation lässt sich auch beweisen, wie ungefährlich Heroin ist – wenn die Alternativen Zyankali und Arsen lauten.

Und weg damit!

Ich kann diesen Wunsch ja nachvollziehen, unangenehme Dinge einfach verschwinden zu lassen. Man drückt die Spülung, und – zack – fort ist der angeschimmelte Käse, die falsche Rechnung von Serafe, der tote Hamster. Und radioaktive Abfälle, ja, das muss man sagen, sind wirklich ziemlich unangenehm. Und das so verdammt lange. Plutonium etwa hat eine Halbwertzeit von 24‘000 Jahren. Es braucht also 24‘000 Jahre, bis die Hälfte der vorhandenen Atomkerne zerfallen ist. 

War da mal was? Jetzt ist es jedenfalls weg.

Man benötigt demnach ein Lager, das ein Weilchen nicht betreten wird. Mit reichlich Beton versiegelt, um ganz sicher zu gehen, dass da nicht einer zufällig reinstolpert, weil er blöderweise am falschen Ort ein Loch gegraben hat. Wieso ausgerechnet da jemand ein Loch graben soll? Und dann noch so ein tiefes? Keine Ahnung. Vielleicht ist es in 10‘000 oder 20‘000 Jahren todschick, tiefe Löcher zu graben, so ein Penis-Dings wie heute die Hochhäuser, einfach umgekehrt, weil die Frauen die Macht übernommen haben und auch mal zeigen wollen, was sie so alles drauf haben.

Vielleicht zwingt in einer fernen Zukunft die nicht mehr vorhandene Ozonschicht die Menschen in den (vermeintlich) strahlungsicheren Untergrund. Möglicherweise ist die Erdoberfläche auch viel zu heiss geworden, weil die Klimajugend sich doch noch entschieden hat, vom Velo auf den dicken BWM umzusteigen.

Eben, man weiss nicht mal ansatzweise, wie der 08/15-Typ in ein paar tausend Jahren so drauf ist. Würde man einen Bauer aus dem Jahr 1819 ins Hier und Heute holen, der hätte sicher ein paar Fragen. Wieso spielen die den ganzen Tag an diesen viereckigen Kästchen rum? Wieso trinken die Milch, die nicht aus der Kuh kommt? Wieso sind Frauen gleich gekleidet wie Männer? Und, verdammt nochmal, wieso hat dieser seltsame kleine Hund ein Mäntelchen an?

Gabs vor 200 Jahren nicht: Hund mit Mantel.

Es reichen ja schon 20, 30 Jahre. Wenn ich heute mit einem Teenie rede, dann verstehe ich höchstens die Hälfte von dem, was da so aus seinem Mund kommt. Und ehrlich gesagt interessiert es mich auch mässig. Umgekehrt wird es nicht ganz anders sein. Ob sich in ein paar tausend Jahren also noch jemand dafür interessiert, geschweige denn sich daran erinnert, was die Leute im 21. Jahrhundert irgendwo verbuddelt haben? Eher nicht.

Stellen wir also ein Schild auf: «Kein Zutritt – Todesgefahr», zum Beispiel. Oder: «An das vereinigte Matriarchat: Hier nicht bohren, Plutonium verursacht Spliss und brüchige Fingernägel!» Äh blöd, vielleicht können die Zukunftsmenschen gar nicht lesen. Und falls doch, wird sich die Schrift im Laufe der Zeit wohl ein wenig verändern. Oder kennt sich jemand der hier Anwesenden mit der Keilschrift der Babylonier aus? Ist gerade mal schlappe 2000 Jahre alt. Und wenn wir schon dabei sind: Welche der aktuell rund 6500 Sprachen darf es denn sein?

High-Five-Verbot? Kein Problem!

Kein Problem, nehmen wir halt ein Piktogramm. Zum Beispiel das allseits beliebte Strahlen-Warnzeichen mit dem dreiblättrigen Flügelrad auf gelb-orangen Grund, festgelegt nach dem Standard ISO 361. «Tolle Sache», werden sich die Zukunftsmenschen sagen, «hier gibts Kuchen.» Oder wieso nicht das offizielle Zutritt-verboten-Schild DIN 4844 mit dem Typen, der einem seine ausgestreckte Hand entgegenhält. «Ein High-Five-Verbot? Damit kann ich leben», wird sich der Archäologe im Jahr 19855 n.Ch. sagen. Und weitergraben.

Das habt ihr nun davon, ihr verdammten Aliens!

Möglicherweise wäre es ja wirklich das beste, wenn die radioaktiven Abfälle für immer und ewig im Zwischenlager bleiben. Man vergisst eine Sache einfach viel weniger, wenn man sie dauernd vor Augen hat. Ausserdem steht da ein Sicherheitsbeamter an der Tür, und sagt, wenn einer rein will: «Nein, du kommst hier nicht rein.» Und wenn der Sicherheitsbeamte pensioniert wird, stellt sich sein Nachfolger an die Tür, und dann dessen Nachfolger, und dann dessen Nachfolger, und dann dessen Nachfolger, und dann dessen Nachfolger.

So wirklich Sinn macht ein Tiefenlager eigentlich nur für den Fall, dass Ausserirdische auf der Erde landen, die Menschheit ausrotten und die Bodenschätze plündern. Wenn sie dann bei Bülach in den Untergrund vorstossen und sich über das High-Five-Verbot in 500 Metern Tiefe amüsieren, wird ihnen das Lachen sehr schnell vergehen, diesen Alien-Arschlöchern.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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