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Mein Praktikum als Biene

Züriost-Blog

Mein Praktikum als Biene

Lea
Chiapolini
Mittwoch, 01. Mai 2019, 09:29 Uhr Züriost-Blog

Es ist ja schon interessant, wie so viel Arme-Leute-Essen von früher heute in einem neuen, hippen Kleid daherkommt und sich damit plötzlich eine Unmenge Geld verdienen lässt. Egal ob jede mögliche Art von Kohl oder langweilige Linsen – plötzlich sind sie der neuste Superfood schlechthin und die Oma rollt mit den Augen. Genauso bei den trendigen «Overnight-Oats». Schon mal davon gehört? Sind imfall super gesund, diese Oats. Und sind imfall einfach Haferflocken, die über Nacht in Milch oder sonstwas eingelegt wurden. Mega revolutionär, was all die Influencer da zum Zmorge essen.

Etwas, das mich an Zmorge und vergangene Zeiten erinnert, ist «Löwenzahnhonig». Meine Mutter behauptet zwar, wir hätten das nie gehabt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Brotaufstrich als Kind irgendwo einmal probiert und als wunderbar befunden habe. Doch in den Regalen gängiger Läden sah ich dieses Produkt nie. Dieser Trend steht uns also noch bevor. Wenn er da ist, denken Sie bitte an mich, an das Chrottepösche-Orakel.

Als ich nach Rezepten für Löwenzahnhonig im Internet suchte, hiess es bei jedem zweiten Ergebnis «veganer Honig». Aha, das billige Ersatzprodukt für den ehemals sehr teuren Honig wird heute ganz nach Marketing-Lehrbuch als veganer Honig bezeichnet. Ich sage Ihnen, der Durchbruch ist greifbar nahe.

Die Landschaft ist derzeit frühlingshaft mit gelben Punkten übersät, hier ist meine Chance. Mit einem Kessel und meinem Mann im Schlepptau mache ich mich auf den Weg auf die nächste Wiese. Mit vier Händen ist der Kessel schnell gefüllt und es macht sogar jedes Mal ein lustiges Plopp-Geräusch, wenn wir die Blumen köpfen. Da sage mir noch einer, vegane Küche sei nicht grausam.

Grosses Angebot: Mit tatkräftiger Unterstützung dauert das Sammeln der Blüten nur rund zehn Minuten. (Video: Lea Chiapolini)

Laut Rezept werden die Chrottepöscheköpfli – in meinem Fall 600 Gramm – zuerst gewaschen und dann eine Viertelstunde zusammen mit dem Saft einer Zitrone im Wasser gekocht. Gesagt, getan. Plötzlich sehen die vielen kleinen Sonnenscheine nicht mehr so anmächelig aus. Aber die werden ja später ausgesiebt. Daher lässt sich auch die ganze Blüte verwenden und die einzelnen, gelben Blütenblätter müssen nicht in stundenlanger Arbeit ausgezupft werden. Sonst hätte mein Mann auf der Blumenwiese wohl schnell die Fliege gemacht. 

Frische Löwenzahnköpfli in der Pfanne... Frische Löwenzahnköpfli in der Pfanne... ... sehen nach kurzer Kochzeit ziemlich traurig aus. ... sehen nach kurzer Kochzeit ziemlich traurig aus.

Zwei Stunden baden die Blüten im lauwarmen Sud, dann werden sie ausgesiebt. Ade Köpflis! Die verbleibende Flüssigkeit wird jetzt 1:1 mit Zucker gemischt und während ein bis zwei Stunden eingekocht, bis ein dickflüssiger Sirup entsteht. Ein Duft, der mich an Artischocken erinnert, schwebt durch die Luft. Muss das so sein? Egal, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die süsse Sauce heiss in Gläschen abfüllen und – voilà  – veganer Honig. Also abgesehen von den paar mitgekochten Käfern. 

Ein Tag später folgt jedoch die grosse Enttäuschung: Der Geschmack meines Meisterwerks ist zwar wunderbar blumig-frisch-süss, doch die Konsistenz ähnelt unverdünntem Himbeerisirup. «Löwenzahnhonig ist immer eher flüssig», meint meine Mutter. Aha, plötzlich erinnert sie sich? Pffff. Bei einem zweiten Blick ins Töpfli ergänzt sie dann sogar noch: «Aber so dünn dann auch wieder nicht...» Also das flüssige Gold zurück in den Topf gekippt und ein paar Beutelchen Agar Agar zum Verdicken hinterher. Noch einmal aufkochen und nach der Ehrenrunde zurück in die Gläser. 

Was für eine Riesenbüetz, diese Honigproduktion. Langsam verstehe ich die armen Biendlis. Die haben sich wirklich mal eine Pause verdient. 

Last but not least: Endlich selbst gemachter Honig im Gläschen. (Foto: Lea Chiapolini)

Lea Chiapolini kann es nicht lassen, ständig neue Trends auszuprobieren – am liebsten im kulinarischen Bereich. Dies führt dazu, dass sie sich oft und lustvoll über die heutige Gesellschaft aufregt.

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