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Ein Gyros auf das Klima!

Züriost-Blog

Ein Gyros auf das Klima!

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 01. Mai 2019, 09:33 Uhr Züriost-Blog

Egal was man tut, die Klimadebatte begleitet einen derzeit auf Schritt und Tritt. Und überall lauern sie, die Fettnäpfchen: Das bekam ich kürzlich wieder einmal zu spüren, als ich mir bei meinem Lieblingsgriechen einen Gyros to go holte. Das Ding ist bis zum Bersten mit Schweinefleisch gefüllt, und der saubere Verzehr auch im Zustand höchster Entspannung eine Kunst für sich.

Das Ganze wird natürlich umso komplizierter, wenn man mit der Kleckerspeise in eine Klimademo hineinläuft. Man muss Menschen ausweichen, Fleischstücke und Pommes fallen zuhauf aus dem Griechen-Sandwich, auch Servietten und Teile der Alufolie, die es umhüllen, gehen zu Boden. Kurz: Man hinterlässt eine Spur der Umweltverschmutzung inmitten einer auf dieses Thema besonders sensibilisierten Menschenmasse.

Ich war mir nicht sicher, ob ich hier und da tatsächlich vorwurfsvolle Blicke kassierte oder ob es schlicht meine Scham- und Schuldgefühle waren, die sich meldeten. Jedenfalls fühlte ich mich wie ein ignoranter, fleischverzehrender, kleckernder Klimasünder.

Politik soll Politik bleiben

Mit etwas Abstand bin ich von der Selbstkritik bei der Gesellschaftskritik angelangt. Die «Klimadebatte im Alltag», die jedes Individuum mit anderen und sich selbst führt – sie befremdet mich zunehmend.

Denn Umwelt- und Klimapolitik ist – wie es der Name schon sagt – Politik. Heisst: Der Blick sollte aufs grosse Ganze gerichtet sein. Auf übergeordnete Klimaziele, internationale Vereinbarungen, Gesetze. Wobei man selbstverständlich darüber diskutieren kann, ob nun Anreize oder Verbote sinnvoller sind.

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Die Debatten sollen deshalb auch auf der politischen Ebene und nicht auf der persönlichen stattfinden. Und was politisch ist, soll nicht individualisiert werden. So macht es keinen Sinn, einem Umweltpolitiker die Glaubwürdigkeit abzusprechen, weil er kürzlich selbst ins Flugzeug gestiegen ist. Das ist so, als würde man einen Bildungspolitiker für ungeeignet erklären, weil dieser einst in einigen Fächern schlechte Noten nach Hause brachte.

Menschen, keine Halbgötter

Natürlich gibt es auch Grenzen, aber diese sind weit zu ziehen. Fälle, in denen die Widersprüche einer Person derart exzessiv sind, dass sie die Glaubwürdigkeit ihrer politischen Botschaft unterhöhlen. Würde der Inhaber einer Offroader-Garage beispielsweise autofreie Innenstädte fordern, dürften einige zu Recht die Stirn runzeln.

Doch in den alltäglichen Debatten geht es so gut wie nie um derart absurde Konstellationen. Stattdessen werden regelmässig kleinkrämerische Vorwürfe erhoben: Die Maturreise mit dem Flugzeug, die kulinarischen Vorlieben, der ökologische Fussabdruck des Gegenübers, der gemäss App eine halbe Weltkugel mehr ausmacht.

Damit will ich die Bemühungen jener, die ein möglichst CO2-armes Leben führen wollen und ihr tägliches Handeln an Umweltschutzüberlegungen ausrichten, nicht kleinreden. Sie verdienen Respekt und tragen zum grossen Ganzen bei. Auch plädiere ich nicht für ein gedankenloses Leben in Verschwendung. Aber für echte Veränderungen braucht es die politische Ebene und diese wurde immer schon von widersprüchlichen Menschen und nicht von stets konsequenten Halbgöttern gestaltet. Also lasst mir meinen Gyros!

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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