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Die spinnen die Balkanesen

Kommentar über Angst im Auto

Die spinnen die Balkanesen

Klartext von Redaktorin Tanja Bircher über die Fahrweise vieler Südosteuropäer und eine plötzlich aufflammende Liebe zu den Schweizer Bünzlis.

Tanja
Bircher
Samstag, 28. Juli 2018, 18:20 Uhr Kommentar über Angst im Auto
Redaktorin Tanja Bircher weiss nach einem dreiwöchigem Roadtrip durch den Balkan die vorsichtig fahrenden Schweizer plötzlich zu schätzen. (Fotomontage: tab/zo)

Ich gehöre zu den Menschen, die sich gerne über das Bünzlitum meiner Landsleute auslassen. Jeder Schweizer ist ein Polizist. Ist doch wahr. Ich rege mich ausserdem über langsame Autofahrer auf, die sich penibel an die Geschwindigkeitsgrenze halten. Mach mal vorwärts. So dachte ich bis vor Kurzem.

Ich bin erst gerade von einem dreiwöchigen Roadtrip mit einem Toyota Yaris durch den Balkan zurückgekehrt. Während der gesamten Zeit habe ich mir einen gepanzerten Hummer gewünscht – oder gleich einen Panzer.

Damit hätte ich mich wohler gefühlt auf den Strassen Südosteuropas. (Foto: Magnus Manske/Wikimedia Commons)

Obwohl wir wunderschöne Städte, traumhafte Strände und atemberaubende Berge gesehen hatten, ist mir vor allem eines in Erinnerung geblieben: die Fahrweise der Südosteuropäer. Das klingt jetzt nach einem abgedroschenen Klischee und auch ein wenig rassistisch. Aber ich habe wirklich jedes Mal, wenn wir eine weitere achtstündige Fahrt überstanden hatten, mental den Boden geküsst. 

Auf die Gefahr hin, dass das jetzt arrogant klingt: Ich bin eine erfahrene Autofahrerin. Und ich fahre gerne. Nur darum habe ich mich überhaupt zu einem Roadtrip überreden lassen. Mir war durchaus bewusst, dass diese drei Wochen keine Sonntagsausfahrten im Cabrio werden würden.

Unser Toyota Yaris hat gelitten im Balkan. (Foto: tab)

Auf die mich ewig begleitende Angst war ich aber nicht gefasst. Wenn ich selbst fuhr, klammerte ich mich konzentriert ans Steuer. Dabei bemerkte ich erst nach Stunden, dass mein gesamter linker Arm vor lauter Anstrengung ein­geschlafen war. Wenn mein Freund fuhr, bremste ich auf dem Beifahrersitz konstant mit – bis mir das Bein einschlief. 

Die spinnen, die Balkanesen. Oder viele von ihnen. Sie überholen grundsätzlich nur vor Kurven, damit es auch richtig spannend wird: Reicht es, reicht es nicht? Doppelt durchgezogene Linien sind für sie reine Dekoration. Sie fahren prinzipiell nie langsamer als 70 Stundenkilometer, auch in der 30er-Zone. Passen zwei Autos nur sehr knapp und mit viel Feingefühl aneinander vorbei, bremsen sie nicht ab, sondern behalten ihr Tempo bei.

«Ich hätte vor Freude fast geweint. Ein Schweizer Bünzli.» 

Auch auf Schotterpisten, die entlang einem extrem abschüssigen Abhang führen und den Yaris auf 15 Stunden­kilometer herunterzwingen, blochen sie einem mit supergefederten Jeeps entgegen und hupen, wenn man sich nicht innert Sekunden in Luft auflöst. Und sie fahren auf jede Kreuzung los, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihnen her. Aus ­allen Richtungen. Gleichzeitig. 

Als ich am Samstag dann die Schweiz erreicht hatte und im Schritttempo hinter einem Aargauer herkroch, der lieber fünf Stundenkilometer langsamer fährt, um auch ja nicht geblitzt zu werden, hätte ich deshalb vor Freude fast geweint. Ein Schweizer Bünzli. Endlich. Ich schimpfe nie wieder, versprochen.

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