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Der unbeschwerte Strippenzieher

Der Ustermer Handballspieler Kevin Jud gibt sich ehrgeizig: Er spiele lieber unter Druck sagt er. Die NLA betrachtet er zudem als Sprungbrett, um später in einer ausländischen Mannschaft mitzumischen.

Freitag, 04. November 2011, 20:44 Uhr

Er gilt als Hirn der Mannschaft, ist Spielgestalter und der verlängerte Arm des Trainers. Beim zentralen Rückraumspieler Kevin Jud laufen alle Fäden zusammen. Sowohl bei den Lakers Stäfa in der höchsten Schweizer Handballliga als auch in der U-21-Nationalmannschaft. Während Steven Spielberg erst im Alter von 28 Jahren seinen ersten Kinofilm produzierte, führt der im Dezember 19-jährig werdende Ustermer bereits seit Jahren erfolgreich Regie. Anfangs in der NLB, nun in der zweiten Saison auf höchster nationaler Ebene. Dank Spielverständnis, Ideenreichtum und dem Gespür für die richtige Aktion – Abspiel oder Abschluss – besetzt er bei den Lakers die Position, die in Handballteams vorzugsweise Routiniers vorbehalten ist. Die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet, stört Jud nicht. Handballerisch ist der Ustermer viele Jahre reifer, als es sein Geburtsdatum vermuten lässt. «Ich spiele sowieso lieber unter Druck», sagt U-21-Internationale und grinst breit. So wie er es im Verlauf des Gesprächs immer wieder macht. Jud ist unbeschwert, erfrischend offen – ganz so, wie man sich einen erfolg­reichen jugendlichen Sportler vorstellt, der von seinen Erlebnissen erzählt. Die Auslandreisen mit den Nationalmannschaften sind es, die er hervorhebt. Das U-19-WM-Turnier in Argentinien oder die U-18-EM in Montenegro, als er als bester Torschütze ausgezeichnet wurde.

NLA ist Zwischen-, nicht etwa End­station

«Alle diese Momente, die damit verbundenen Emotionen sind mein Antrieb, hart zu trainieren.» Abseits des Feldes ein besonnerer Typ, lässt Jud im Spiel seinen Gefühlen durchaus freien Lauf. Dann sei er wie in einer anderen Welt und könne richtig «dumm» tun, sagt der Handballer. Sein Vater Markus Jud, zugleich Trainer bei den Lakers, spricht lachend davon, den Sohn in ­solchen Momenten jeweils kaum mehr wiederzuerkennen.

An die spezielle Konstellation – Vater und Sohn in derselben Mannschaft – hat sich das Duo längst gewöhnt. Markus Jud sagt: «Ich bemühe mich, dass es nicht zur Geltung kommt.» Dies sei aus seiner Sicht bisher gelungen, denn niemand habe ihm je direkt vorgehalten, den Sohn speziell zu behandeln. Für diesen ist es «normal», dass er von seinem Vater trainiert wird. Er findet, sein Vater könne gut mit jungen Spielern umgehen. «Ich spüre, dass er mich weiterbringt.» Dass es trotzdem zu Meinungsverschiedenheiten kommt, liegt auf der Hand. Die gemeinsame Heimfahrt nach einem Spiel, bei der sie kein Wort miteinander wechselten, erwähnen beide als Beispiel.

Normalerweise aber geht es lebhaft zu und her, wenn in der Familie Jud über Handball diskutiert wird. Besonders, wenn sie sich gemeinsam ein Spiel im Fernsehen anschaut und intensiv über Taktik debattiert. Fachwissen ist dabei im Überfluss vorhanden. Tim Jud (17), der in seinem Auftreten stark an seinen älteren Bruder Kevin erinnert, ist zentraler Rückraumspieler in der U-19-Elite der Spielgemeinschaft Uster/Stäfa und gehört zum Stamm der U-19-Nationalmannschaft. Und Mutter Ruth Jud steht in der 16. Saison als ­Trainerin der Ustermer Frauen, die in der höchsten Liga spielen.

Für Kevin Jud soll die NLA derweil eine Zwischen-, nicht etwa die End­station sein. «Ich möchte einst in einer ausländischen Liga spielen», setzt er die Latte hoch an. Seine Lage schätzt er ­dabei realistisch ein. «Noch fehlt dafür einiges», sagt der Spielmacher und spricht davon, wohl erst in zwei, drei Jahren den Aufbruch ins Ausland ins Auge fassen zu können. Um seinem Ziel näherzukommen, investiert er viel. Jud ist faktisch Halbprofi.

Lesen Sie mehr dazu im ZO/AvU vom Samstag, 5. November.

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