×
Züriost-Wettbewerb Schreibstar

Coq au Vin

Von Isabelle Leutenegger aus Hünenberg See. Die Geschichte der 61-Jährigen hat bei einem SMS-Voting die meisten Stimmen erhalten.

Promotion
Dienstag, 10. November 2020, 19:20 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar
Symbolfoto: pixabay.com / moritz320

Marcs Herz klopfte wild, seine Magennerven vibrierten, ja heute würde es geschehen. So lange hatte er auf diesen Moment gewartet. Den Arbeitstag im Büro endlich hinter sich gebracht, verliess er hektisch sein Büro. In der Hoffnung, dass das für ihn so wichtige Paket vor seiner Wohnung lag, rannte er die zwei Kilometer nach Hause.

Was würde er nur tun, sollte das Paket nicht da sein? Daran darfst du gar nicht denken, rief er sich innerlich zur Ruhe. Von Weitem erspähte er das ersehnte Paket. Im Schatten der Eiche vor seiner Haustüre wartete es geduldig auf seinen Besitzer. Ehrfürchtig trug Marc das Paket in seine Wohnung. Ohne auch nur seinen Mantel auszuziehen, riss er an den Klebebändern und schmiss das Verpackungsmaterial achtlos zur Seite.

Die kostbare Ware schien hervorragend geschützt. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelang es Marc, einen Blick in das Innere des Pakets zu werfen. Erleichtert atmete er auf. Alles, was er für den heutigen Abend brauchte, war geliefert worden. Etwas Musik musste her, heute war ihm nach Free Jazz. Er entledigte sich seines dunklen Anzugs und stieg in seine Lieblingsjeans. Passend zur Jeans wählte er sein neues Ralph-Lauren-T-Shirt.

Nun konnte er beginnen; Hände waschen, Messer schleifen; er liebte diese Arbeit.

Seine Hände zitterten. Endlich konnte er das vor wenigen Stunden noch lebendige Fleisch zerteilen. Ein freudiges Ziehen ging durch Marc, als er die schöne Leber zerkleinerte, sie anbriet und pürierte. Das war seine Leidenschaft, nicht sein Job als Finanzkontroller.

Er öffnete eine Flasche elsässischen Riesling. Ausnahmsweise genehmigte sich Marc ein Gläschen. Die goldgelbe Flüssigkeit rann perlend die Kehle hinunter. Er fühlte, wie die Schmetterlinge im Bauch zu fliegen begannen. Behände arbeitete er weiter, seine Messer flogen über den Küchenblock, Speck, Schalotten, Champignons wurden zerkleinert. Derweil brutzelte das Fleisch im Bräter.

Voilà, nun kommt alles in den grossen Le Creuset, mit Riesling zugedeckt und eine Stunde leicht köcheln. Noch schnell frische Kräuter und die pürierte Leber dazugeben. Ja, die pürierte Leber gibt der Sauce die richtige Konsistenz. Diesmal hätte es sicher geklappt. Das selbst gemachte Baguette duftet köstlich. Der Tisch war gekonnt hergerichtet. Marc meinte zu spüren, wie sogar die Luft vibrierte, als es klingelte. Ungeschickt wischt sich Marc die Hände am Küchentuch ab.

Eine Flasche Veuve Clicquot unter dem Arm steht Françoise Chapelle, eine Frau Ende dreissig, lange braune Haare, etwas unbeholfen vor der Tür. Lächelnd bittet er sie herein. Leichtes Sommerparfum registrierte er. Marc wusste zwar, dass Françoise eine schöne Frau war; allerdings liess ihr Anblick heute seinen Atem stocken.

Er fühlte sein Blut in den Venen rauschen.

Der Tag war gekommen; endlich war sie da. Sich bedankend nahm Marc den Veuve Clicquot entgegen, half Françoise aus dem Mantel und bat sie zu Tisch. Der Champagner tat seine Wirkung. Ein anregendes Gespräch entspann sich. Vor  einem Monat hatten sie sich auf einer Dating-Plattform kennengelernt. Marc hatte sie sofort erkannt. Ungläubig hatte er damals auf ihr Profilbild gestarrt, bis ihm klar wurde, dass das Schicksal es so wollte.

Er konnte sein Glück kaum fassen, als Françoise nach langem Umwerben seine Einladung zu diesem Essen annahm. Tagelang hatte er sich auf diesen Abend vorbereitet. Unglaublich viele Gemeinsamkeiten und eine gewaltige Gemeinheit verband sie. Eigentlich schade, dachte Marc. Elegant servierte er den Blattsalat an selbst gemachter Vinaigrette. Es schien Françoise zu munden.

Nun war es so weit. Marc trug den Hauptgang auf – Coq au Vin à la Bocuse! Françoise hob die Augenbrauen, fächerte sich den Duft des Gerichts in die Nase und nahm den ersten Bissen.

Marcs Nerven flatterten, sein Inneres brodelte. Mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen stiess Françoise aus: «Göttlich, einfach göttlich! Wo hast du das bloss gelernt? Um Gottes Willen häng deinen Kontrollerjob an den Nagel, werde Koch! Bewirb dich am Institut de la Haute Cuisine Paul Bocuse.»

Ihre Bewunderung wich nackter Angst, als sie Marcs Blick auffing. Mit leiser Stimme sagte er: «Das habe ich getan, Françoise. Du warst in der Prüfungskommission, du hast mich zweimal abgelehnt!» Das bereitgelegte Fleischmesser in der Hand stach er zu – es war vollbracht.

Kommentar schreiben