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Züriost-Blog

Jüdische Weltverschwörung in Wetzikon

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 07. Oktober 2020, 10:54 Uhr Züriost-Blog

Das hier ist mein letzter Blog. Und eine Sache gilt es noch zu klären. Die Sache mit meinem Namen.

Ja ich weiss, das hat vor mir gefühlt schon jeder Blogger gemacht. Die Kollegin Chiapolini zum Beispiel hat Ihnen bereits mitgeteilt, dass sie lieber nicht Cipollata genannt werden will. Der Kollege Kilchör hat Sie über seine Fribourger Wurzeln aufgeklärt. Und der Chef Brändli würde Ihnen wahrscheinlich sagen, dass er auch aufgrund seines Nachnamens eine ausgeprägte Affinität für Blaulicht-Journalismus hat.

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Alles ganz interessant, aber bei mir hat die Sache mit dem Namen noch eine andere Komponente. Da geht es – ganz meiner Blog-Persona entsprechend – schnell einmal um die ganz grossen Fragen: Weinimperien, Hochfinanz, jüdische Weltverschwörung.

Es gab in den letzten Jahren kaum eine Gelegenheit, bei welcher ich nicht auf meinen Nachnamen und dessen Hintergründe angesprochen wurde. Die Frage nach meinem Verhältnis zu Wein ist dabei sicher die gmögigste Variante. Ich liess sie jeweils bewusst offen. Auch deshalb, weil ich den Ustermer Bierbaron nicht vor den Kopf stossen wollte, der mich regelmässig mit Infos fütterte, weil er – so glaube ich zumindest – in mir aufgrund meines Nachnamens einen distinguierten Experten für alkoholische Belange vermutete.

Mit den Banken sieht es schon etwas anders aus. Klar, die Bankiersfamilie Rothschild gibt es natürlich (sie hat übrigens auch mit den besagten Weingütern zu tun), und es könnte theoretisch sein, dass irgendein talentfreier, vom erfolgreichen Weg abgekommener Sprössling den Weg von einem französischen Chateau in eine Regionalredaktion in Wetzikon gefunden hat.

Einen Bezug zur Hochfinanz verneinte ich dann auch nicht in jedem Fall, wenn ich danach gefragt wurde – um ein Drohszenario aufrecht zu erhalten. Denn die Einflussmöglichkeiten eines gemeinen Lokalredaktors sind für gewöhnlich beschränkt. Wenn aber ein etwas gar selbstbewusster Ansprechpartner im Glauben war, ich könnte im Streitfall die ganze Wallstreet mobilisieren, so war dies ungleich eindrucksvoller, als irgendetwas von der «vierten Gewalt» zu stammeln.

Doch die Sache mit dem Einfluss ist ein zweischneidiges Schwert. Denn wer «Einfluss!», «Bankiers!» und «Rothschild!» sagt, landet bald einmal bei den «Juden!»  – und zeichnet damit in der Regel nicht einfach nur harmlose Klischees von kurligen Typen mit Schläfenlocken, die zu Klezmer-Klängen im Kreis tanzen, sondern eher von hakennasigen Finsterlingen, die in Hinterzimmern (oder Pizzerias) Pläne zur Verchippung der Menschheit schmieden und Kinderblut trinken.

In meinem Berufsalltag wurde ich immer wieder auf die «Judenfrage» angesprochen. Allerdings längst nicht nur auf unangenehme Weise. So teilte mir eine jüdischstämmige Dame aus der Region einst in einem handgeschriebenen Brief mit, dass es für sie immer «ein Stück Heimat» bedeute, wenn sie meinen Namen in der Zeitung liest. Zwar wusste ich nicht, von welcher Heimat sie genau sprach (Israel? Brooklyn? Zürich Wiedikon?), aber ihr Schreiben rührte mich.

Natürlich machte ich auch andere Erfahrungen: Da war zum Beispiel der Festorganisator, der nach Meinungsverschiedenheiten meinte: «Wie war nochmal der Name? Rothschild? Ja dann ist natürlich alles klar!». Und da waren natürlich mehrere bizarre Kommentare, die ich nach Meinungsbeiträgen zu Themen wie Rechtsextremismus, AfD oder Corona-Wirrköpfe erhielt.

Und auf Twitter erweitert sich meine bescheidene Follower-Schar immer wieder um Personen, die ich nicht kenne, die aber nicht nur mir, sondern auch noch anderen illustren Persönlichkeiten folgen, wie zum Beispiel Bill Gates, George Soros oder Nicky Rothschild (frühere Hilton). Die Absicht dieser dubiosen Twitterer ist klar: Sie wollen der jüdischen Weltverschwörung auf die Schliche kommen und haben mich entlarvt!

Für mich ist das zumindest in der aktuellen politischen Lage kein Problem. Follower sind schliesslich Follower, und in Zeiten, in denen Journalisten nahegelegt wird, zur «Marke» zu werden, ist auch jede noch so fragwürdige Form der Aufmerksamkeit willkommen.  Deshalb will ich die Gerüchte gar nicht dementieren, wonach ich in den letzten Jahren von Wetzikon aus an der Weltverschwörung arbeitete und mir an Redaktionsessen jeweils ein Glässchen Kinderblut gönnte.  L’Chaim!
 

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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Ich habe die Kolumnen von Herrn Rothschild immer gerne gelesen und wusste gar nicht, dass er ein Anhänger der jüdischen Religion ist. Ich bewundere das jüdische Volk für seine grossen Leistungen in den Naturwissenschaften. Mit meiner Frau war ich schon häufig (1986, 1999, 2006 und 2015) in Israel. Viele Freunde meinerseits, aber auch von der Frau, sind jüdischen Glaubens. Wir führen mit ihnen ein gutes Zusammenleben und achten auf ihre Speisegesetze und Ruhetage (Sabbat). Ich segne das jüdische Volk und wünsche Ihnen, Herr Rothschild, alles Gute auf Ihren Wegen.