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Auch der kürzeste Minirock ist keine Einladung

Züriost-Blog

Auch der kürzeste Minirock ist keine Einladung

Talina
Steinmetz
Freitag, 17. Januar 2020, 10:03 Uhr Züriost-Blog

«Ich hatte ein Pyjama an. Ich hatte ein Pyjama an, als ich acht, neun, zehn und dreizehn Jahre alt war. Auch mit 17 hatte ich einen Pyjama an. Die Dunkelheit ist heute meine grösste Angst.»

Es waren diese Worte, die das Fass zum Überlaufen brachten. Die mich in Tränen ausbrechen liessen, die kurz darauf aber der Wut weichen mussten.

Oben zitierte Aussage ist die Antwort einer Frau auf die Frage, was sie denn trug, als sie vergewaltigt wurde. An die Öffentlichkeit gelangten diese Worte durch den 15-minütigen ProSieben-Beitrag «Männerwelten» von Joko und Klaas. In diesem thematisieren die deutschen Komiker ein ernstes Thema: Sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt an Frauen. Das tun sie in Form einer Onlineausstellung, bei der einem die Luft wegbleibt: Penisbilder, sexuelle Belästigung in den Sozialen Medien und Vergewaltigungen werden thematisiert. Betroffene kommen zu Wort.

Nur zwei Tage nach Veröffentlichung hatte das Video bereits drei Millionen Aufrufe und wurde ein x-faches geteilt.

Ich fühlte mich von dem Inhalt betroffen. Auch mir wurde schon unaufgefordert an den Po gefasst oder ein Penis-Bild zugeschickt. Und auch ich wurde schon von Männern aufgefordert, «mal ein bisschen mehr zu zeigen», sowie auch beleidigt, wenn ich kein Interesse an ihnen bekundete. Wie auch die meisten meiner Freundinnen.

Das schlimme jedoch ist, dass es nach wie vor Menschen gibt, die nicht glauben, dass das der Realität entspricht. Menschen, die auf das Video von Joko und Klaas mit den Worten «Ist doch eh Fake» reagieren, und den Frauen vorwerfen, sich selber in eine Opferrolle zu bringen. Oder die meinen, die Frauen hätten es ja so gewollt – wieso hätten sie sonst einen Minirock angezogen?   

Liebe solche Menschen, fragt mal eure Freundinnen, Kolleginnen, Schwestern und Cousinen, wie oft ihnen schon einmal ein Penis an die Hüfte gepresst wurde – im Club, in der Bahn oder sogar beim Sport. Wie oft sie über Instagram, Facebook oder Snapchat schon einmal nach «ein bisschen mehr Haut» oder «willst du ficken?» gefragt wurden. Wie oft ein Nein nicht genügte, bis die Fragerei aufhörte. Und wie oft sie nach diesem Nein als dumme Schlampe, verklemmte Hure, fette Sau oder ähnliches beleidigt wurden.

Zwei unabhängige Instagram-Beispiele, die zeigen, dass es eben kein Fake ist. (Screenshot: PD/Talina Steinmetz)

Das hinterlässt Spuren. Man fragt sich irgendwann, ob diese Menschen vielleicht Recht haben. Ob man wirklich prüde ist. Und ob man nicht einfach «ein bisschen mehr» hätte zeigen sollen, um Ruhe zu haben. Ob man wirklich eine fette Sau, eine dumme Schlampe oder eine verklemmte Hure ist. Ob andere Frauen lockerer sind. Ob das nötig ist, um dazuzugehören.  

Die Antwort?

NEIN.

Nein. Nein. Nein. Niemals.

Man darf sich wehren. Darf Nein sagen. Immer. Zu jedem. Es gibt nichts auf der Welt, das sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt – auch nur angedrohte – rechtfertigt. Nicht die Kleidung, nicht die Sprache, nicht das Auftreten in den sozialen Medien. Kein Mensch, weder Mann noch Frau, darf sexualisiert oder sexuell belästigt werden.

Egal, ob die Person einen Minirock oder Pyjama trägt.   

Talina Steinmetz kann nie lange stillsitzen. Spontane Motorradausflüge, längere Sporteinheiten und dicke Bücher zu lesen, sind ihre Lieblingsbeschäftigungen. Ein Wochenende einfach nur zu Hause verbringen? Langweilig. Montags trotzdem fit zu sein, ist ihre Stärke. Und falls das mal nicht der Fall sein sollte, helfen Fotos von Babybüsis oder das Schreiben eines Blogs.

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Genau Frau Steinmetz, alle Männer sind gleich und wollen nur das Eine, wie Recht Sie haben. Ihre Zeilen zeugen von Weitsicht und was mir das sagt, dass Sie pro7 schauen, ist eine andere Geschichte.

Grüezi Herr Stätter

Ich habe nirgends geschrieben, dass es sich dabei um alle Männer handelt - im Gegenteil, ich schreibe sogar von Menschen, ohne Bezug auf ein Geschlecht zu nehmen. Ich persönlich habe solche Erlebnisse nur mit Männern gemacht, weshalb im Abschnitt, wo diese zur Sprache kommen, auch von Männern die Rede ist. Und zu Pro-7: Ich wurde auf Social Media auf das Video aufmerksam, wo es sehr grosse Wellen geschlagen hat, wie auch in diversen sonstigen Medien. Und Pro7 hin oder her: Der Beitrag ist auf jeden Fall sehenswert.

Freundliche Grüsse, Talina Steinmetz