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Eine Kriegserklärung an den Winter

Eine Kriegserklärung an den Winter

Uhr
Talina
Steinmetz

Ich hasse den Winter. Wirklich. Ohne Ausnahme. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wurde im Dezember geboren und bin eine begeisterte Skifahrerin. Und trotzdem könnte es meiner Meinung nach das ganze Jahr über Frühling, Sommer und Herbst sein.

Im Winter lebe ich nicht, sondern funktioniere nur. Beginnen wir mit der Kälte. Wegen den tiefen Temperaturen brauche ich morgens während sechs Monaten grundsätzlich eine halbe Stunde länger. Nicht, weil ich im Bett liegen bleibe oder lange dusche – sondern wegen dem Zwiebelschalenprinzip. Das hat es nämlich ganz schön in sich.

Trägershirt, langärmliges T-Shirt, Pullover, Schal. Dann die Winterjacke, Mütze zum Schluss die Handschuhe. Erst dann bemerke ich, dass ich bei so einer Kleiderschicht nicht bis zu meinen Füssen komme, um mir die Schuhe anzuziehen. Also alles noch einmal von vorne.

Schuhe anziehen, wenn man bereits fünf Schichten Kleidung trägt - ein Nachteil des Winters.

Dann, völlig ausser Atem, aber aufgewärmt, stehe im am Bahngleis und mein Zug kommt. Mit Verspätung, aber er kommt. Ich steige ein, setze mich – und bekomme fast einen Hitzeschlag. Also entscheide ich, diverse Schichten wieder auszuziehen. In einem Abteil mit drei anderen Passagieren eine Extremsportart.

Während ich der Frau zur Rechten mit meiner Jacke fast ihr Weggli aus der Hand schlage und dem Mann gegenüber meinen Schal in den Kaffee hänge, bekomme ich langsam wieder etwas Luft. «Endlich» denke ich mir und setze mich - und höre, wie die SBB-Stimme sagt: «Endstation Wetzikon. Bitte alle aussteigen.»

Die falsche Kombination

Wäre es nur die Kälte, könnte ich den Winter ja noch ertragen. Aber mit dem Winter kommt ja auch der Schnee. Und die Dunkelheit. Eine Kombination, die ich nicht mag. Ich fahre zur Arbeit – im Dunkeln. Ich komme nach Hause – ebenfalls im Dunkeln. Und im schlimmsten Fall noch total zugeschneit und mit den Nerven am Ende, weil die Strassen in unserem schönen Zürcher Oberland weder geräumt noch gesalzen sind. Was also habe ich vom Tag? Dunkelheit und mindestens drei Wutanfälle innerhalb von 20 Minuten.

Ungeräumte Strassen bringen mich hin und wieder ins Schwitzen.

Darunter leidet natürlich auch mein Sozialleben. Ich gehe sehr gerne und eigentlich sehr oft aus. Im Winter fehlt mir jedoch die Motivation dazu. Draussen kann man sich nicht länger als eine Stunde aufhalten, sonst frieren einem Körperteile ab. Und drinnen? Überfüllt, weil sich niemand gerne die Körperteile abfriert. Ein «gemütlicher Abend» in einer Bar im Januar fühlt sich an wie ein Schreibfehler auf der Frontseite der Zeitung: Im ersten Moment amüsiert man sich, dann kommt man ins Schwitzen. Und dann will man einfach nur nach Hause.

Es gibt Leute, die den Winter lieben. Meine Tischnachbarin zum Beispiel. Sie macht Videos und Fotos vom Schneetreiben und kann nicht genug kriegen von der bedeckten Landschaft. Währenddessen suche ich kopfschüttelnd nach Flügen an die Wärme.

Eine Tätigkeit, die mich daran erinnert, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich meine Jacke, den Schal und meine Winterschuhe wieder in den Schrank verbannen und das Leben in Sneakers, kurzen Hosen und Shirt geniessen kann. Ohne Zwiebelschalenprinzip und Extremsport im Zug. 

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Word! Ganz nervig sind auch die Salzränder an den Schuhen! Das haben meine Schuhe nicht verdient, ganz zu schweigen von den nassen Füssen und der Gefahr sich den Hals zu brechen nur weil man sich ins Büro wagt

Nie im Leben, der Winter ist für mich die schönste Jahreszeit überhaupt....:
Falls Schnee liegt, ist alles in schönes, warmes Weiss getaucht, es ist auch viel ruhiger, die Autos auf der Strasse hört man kaum, nur das beruhigende kratzen, der Schneeschaufel oder Schneeschnuutzis früh morgens.
Ich liebe die klare Luft und die trockene Kälte beim einatmen. Lieber ziehe ich zehn Schichten an, als ein Shirt bei Hitze. Meine Laune sinkt in den Keller, wenn ich tagelang, wochenlang hören muss, Dass das schöne Wetter dauert an. Temperaturen über 18* sind mir ein Graus, bei über 30* bleibe ich nur drinnen. Erst abends traue ich mich raus und kann nichts sehnlicher erwarten, als einen kühlenden Wind oder ein krachendes Gewitter.
So sind die Menschen verschwinden, zum Glück und zum noch grösseren Glück können wir das Wetter nach wie vor nicht beeinflussen.
Darum, während ich den Winter und die Kälte liebe und du hasst‘, hasse ich deinen geliebten Sommer mit der damit verbundenen Hitze...