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Busfahrer und Kontrolleure werden beschimpft und geschlagen

Übergriffe auf ÖV-Personal in der Region

Busfahrer und Kontrolleure werden beschimpft und geschlagen

Immer wieder kommt es im Öffentlichen Verkehr zu Übergriffen auf das Personal. Auch bei den Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) kam es letztes Jahr zu 14 Vorfällen, in denen ihre Mitarbeiter beschimpft wurden. Wie SBB-Sprecher Christian Ginsig sagt, passieren Übergriffe schweizweit alle zwei bis drei Tage.

Jennifer
Furer
Dienstag, 15. Mai 2018, 10:50 Uhr Übergriffe auf ÖV-Personal in der Region
Die SBB ist für die Billettkontrollen in allen S-Bahnen zuständig. «Hier kommt es zu den meisten Übergriffen», sagt Ginsig. Neben physischen Tätlichkeiten komme es auch vor, dass Mitarbeiter bespuckt werden. (Symbolbild: Manuel Reimann)

Ein Billetkontrolleur wird am 29. April von einem Schwarzfahrer in Zürich in einem Tram niedergeschlagen und muss mit mittelschweren Kopfverletzungen ins Spital eingeliefert werden. Nur zehn Tage zuvor wird ein 60-Jähriger Buschauffeur im Zürcher Kreis 12 von zwei Jugendlichen angegriffen. Auch er musste mit Schulterverletzungen hospitalisiert werden. Angriffe auf das ÖV-Personal sind keine Einzelfälle.

Die Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) haben letztes Jahr 20 Vorfälle registriert. «14-mal wurden Beschimpfungen gegenüber unserem Fahrpersonal notiert», sagt Sprecher Joe Schmid. In den übrigen Fällen sei es zu Streit unter den Fahrgästen oder zu Vandalismus am Bus gekommen. Damit das Personal auf Übergriffe vorbereitet ist, werden alle neuen Mitarbeiter im Fahrdienst instruiert. In Fallbeispielen und Rollenspielen wird das richtige Verhalten geübt. «Wir schulen unser Personal darauf, möglichst ruhig zu bleiben und zu versuchen, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Bei Notfällen könnten die Mitarbeiter Hilfe in der Betriebsleitzentrale oder direkt bei der Polizei anfordern.»

Per GPS orten

Fahrer können auch einen Überfallknopf drücken. Dann wird automatisch eine Funkverbindung zur Polizei und zur Zentrale aufgebaut und der Bus wird per GPS geortet. In der Instruktion zeigt die VZO ihren Mitarbeitern zudem, wie die in allen Bussen eingebaute Videoüberwachung funktioniert und wie Vorfälle direkt über das persönliche iPad gemeldet werden können.

Schmid möchte aber betonen, dass die Stimmung in den VZO-Bussen bis auf wenige Ausnahmen friedlich und respektvoll sei. «Überfälle sind aktuell zum Glück kein akutes und alltägliches Problem bei den VZO.» Wenn Übergriffe passieren, dann vor allem abends und am Wochenende, sagt Schmid.

Diese Beobachtung machen auch die Verkehrsbetriebe Glattal (VBG). Sie registrieren jährlich etwa 10 Vorfälle, wie Sprecherin Katrin Piazza sagt. Die Hälfte betreffe Aggressionen gegen Mitarbeiter. «Die häufigsten Probleme sind verbale Attacken, Beleidigungen und Pöbeleien», sagt Piazza. Vermutlich gebe es eine hohe Dunkelziffer: «Nicht jeder Busfahrer wertet eine abfällige Bemerkung gleich als verbale Attacke.» Tätlichkeiten oder sexuelle Übergriffe hingegen müssten immer gemeldet werden.

Immer Sicherheitspersonal nachts

Bei der VBG spielt auch das Auftreten eine grosse Rolle: «Viele Mitarbeiter erzählen uns, dass sie grundsätzlich auf Freundlichkeit setzen. Die werde meist erwidert», sagt Piazza. Notfalls interveniere die bewaffnete Transportpolizei, mit der alle Unternehmen im Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) zusammenarbeiten.

Sie kommt bei Bedarf auch bei der Forchbahn zum Einsatz. Man habe aber glücklicherweise keine Übergriffe auf das Personal zu verzeichnen, sagt Betriebsleiter Hanspeter Friedli. Die Züge würden sporadisch von Personal begleitet. Auf den Nachtzügen der SN18 hingegen sei immer Sicherheitspersonal dabei.

Billettkontrolleure am meisten betroffen

Die Nachtzüge beschäftigen auch die SBB, sagt Sprecher Christian Ginsig. Zu ihnen gehören etwa die SN5 und die SN9 ins Oberland. «Ein spezielles Augenmerk gilt den übermüdeten Partygängern, die in Frühzügen am Wochenende ihre Heimreise antreten». Theoretisch könnten sich Übergriffe aber durch Menschen sämtlicher Altersgruppen und sozialer Schichten passieren. «Ein Vorfall ereignet sich schweizweit alle zwei bis drei Tage», so Ginsig.

Die SBB ist für die Billettkontrollen zuständig. «Hier kommt es zu den meisten Übergriffen», sagt Ginsig. Neben physischen Tätlichkeiten komme es auch vor, dass Mitarbeiter bespuckt werden. «Auch das ist ein Übergriff und wird als Offizialdelikt geahndet.» Die Transportpolizei könne für alle sicherheitsrelevanten Aufgaben beigezogen werden, etwa, wenn sich Kunden weigerten, ihre Personalien anzugeben.

«Insgesamt wird die Sicherheit als hoch empfunden»

Während die SBB in Zügen Billettkontrollen durchführt, beauftragte der ZVV die Postauto AG im Zürcher Oberland mit den Kontrollen in den Bussen. Postauto-Sprecher Urs Bloch sagt, bei Billettkontrollen kann es zu allen Tageszeiten zu Problemen kommen – selten sogar zu Schlägen oder Remplern. Im Zürcher Oberland wurden letztes Jahr vier Tätlichkeiten und Drohungen gegenüber dem Kontrollpersonal registriert. Jährlich rechne die Postauto AG in der Region mit 3 bis 5 Übergriffen aufs Kontrollpersonal. «Was glücklicherweise sehr wenig ist», so Bloch. Damit seien Übergriffe selten. Das schlage sich im Gefühl der Pendler nieder, sagt ZVV-Sprecher Caspar Frey: «Insgesamt wird die Sicherheit als hoch empfunden». Das zeige die jährliche Fahrgastbefragung.

Die Sicherheitsorganisation des ZVV

Der Zürcher Verkehrsverbund verfügt über keine eigenen Verkehrsmittel. Die eigentlichen Fahrleistungen im öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich erbringen die Transportunternehmen, die im Verbund zusammengeschlossen sind. Zum ZVV gehören 42 Unternehmen, wie etwa die VZO, Postauto oder SBB.  Die Sicherheitsorganisation des ZVV bestehe aus der Transportpolizei, einem Sicherheits- und Präventionsdienst und den Kontrolldiensten, die rund um die Uhr im Einsatz seien. Der ZVV nimmt die Aufgaben nicht selbst wahr, sondern hat andere damit beauftragt. Die Securitas ist etwa für den Sicherheitsdienst zuständig, der zusammen mit der Transportpolizei in den Zügen für die Sicherheit sorgt. In Bussen und Stadtbahnen seien die üblichen Polizeiorgane zuständig, so Frey. Der ZVV koordiniere die Stellen. «Die Organe unserer Sicherheitsorganisation und die Polizeien treffen sich regelmässig, um die Lage zu beurteilen und nötige Massnahmen zu treffen.»

Sich nicht gefährden

Wichtig sei, dass die Sicherheitsorganisation von allen Vorfällen erfahre, sagt ZVV-Sprecher Caspar Frey. Das Fahrpersonal soll deshalb alle Vorfälle melden. Für das Personal, bei dem es sich nicht um ausgebildete Sicherheitsfachkräfte handle, gelte grundsätzlich, sich selbst zu schützen: «Es ist angewiesen, sich nicht zu gefährden und bei einem Vorfall umgehend die Leitstelle oder die Polizei zu verständigen», sagt Frey.

Um sich auf solche Situationen vorzubereiten, müssen alle Busfahrer im ZVV-Gebiet im ersten Jahr ihrer Anstellung einen eintägigen Kurs zu Sicherheitsfragen absolvieren, um ihren Fahrausweis der Kategorie D nicht zu verlieren. Alle drei Jahre geht es in einen Wiederholungskurs, in dem ein halber Tag für Gewaltprävention und ein halber Tag für die Nothelfer-Auffrischung aufgewendet wird.

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