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Corona geht vorüber – Diktatoren aber wird man nicht mehr los

Uhr
Thomas
Bacher

Wie viel Autokratie darfs denn sein? Und dazu vielleicht noch ein Spritzerchen Diktatur? Offenbar ist das politische System in der Schweiz im Moment nicht sehr populär, wie die hitzig geführte öffentliche Debatte zeigt. Demokratie, Rechtssicherheit und der gute alte Föderalismus – sie alle werden im Kampf gegen das Coronavirus gerne als nutzlos, ja kontraproduktiv kritisiert.

Stattdessen ist der Ruf nach einer harten Hand allgegenwärtig. Bei jeder Verschärfung der Corona-Massnahmen machen sich die Polizeikorps schweizweit auf massive Mehrarbeit gefasst, denn dann klingeln die Hobbypolizisten durch, die überall Verstösse orten. Ein paar Jugendliche auf dem Schulhausareal, eine Handvoll Hobbyfussballer bei einem kleinen Match, ja selbst ein einzelner Maskenverweigerer auf dem Wochenmarkt  – und das Blut gerät in Wallung. Das Urteil ist schnell gefällt: Schuldige hart bestrafen und die medizinische Versorgung streichen!

Oder besser gleich wegsperren, internieren, das Gesindel! So war es auf Social Media und in den Kommentarspalten der Newsportale zu lesen, nachdem in der Silvesternacht eine Party mit 100 jungen Menschen in einer leerstehenden Gewerbeliegenschaft in Volketswil aufgelöst wurde. Doch – was für ein Skandal! – die Polizei hat die meisten der Verbrecher laufenlassen.

Ach ja, wer in China in Kommentarspalten den Staat infrage stellt, muss damit rechnen, für Jahre im Gefängnis zu landen.

Während Hardliner die angeblich zaudernden Regierungen auf Bundes- und Kantonsebene am liebsten sofort absetzen würden und über «die Weicheier» im Sicherheitsapparat nur den Kopf schütteln, zeigen sie voller Inbrunst nach Osten. Dort, in Asien, da haben sie das Virus im Griff, mit eiserner Faust, Disziplin und der systematischen Nachverfolgung von Ansteckungsketten.

Tatsächlich hat China das Problem scheinbar unter Kontrolle und darf sich als Belohnung über ein schönes Wirtschaftswachstum und Massenpartys mit maskenlosen Feiernden freuen. Doch was war und ist der Preis dafür? In Wuhan, dem vermuteten Ursprungsort des Virus, wurden Menschen teilweise über Monate in ihren Wohnsiedlungen eingemauert. Manchmal klappte die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Hygieneartikeln. Manchmal eben nicht. Wer nicht zur Arbeit gehen konnte, bekam kein Geld, wer seinen Laden nicht öffnen durfte, keine Entschädigung. In westlichen Medien wurden Kleingewerbler gezeigt, die weinend vor ihren geschlossenen Geschäften standen und nicht wussten, wie sie ihre Familie ernähren sollten.

Ach ja, wer in China in Kommentarspalten den Staat infrage stellt, muss damit rechnen, für Jahre im Gefängnis zu landen. Oder im Umerziehungslager, wie hunderttausende Uiguren, eine Volksgruppe ohne Rechte, die dank neuster Technik systematisch kontrolliert wird. China hat nicht umsonst grosse Erfolge im Nachverfolgen von Ansteckungsketten, baut es doch gerade den totalen Überwachungsstaat auf.

Da herrschen eben noch Zucht und Ordnung – auch in anderen Bereichen: Für vergleichbar geringfügige Drogendelikte gibt’s die Todesstrafe, Homosexualität ist verboten.

Wem China dann doch zu radikal ist, dem bleibt immer noch Singapur als leuchtendes Beispiel einer erfolgreichen Seuchenbekämpfung. Hört man auch immer wieder. Und ja, auch der Stadtstaat hat Corona die meiste Zeit über im Griff gehabt. Da herrschen eben noch Zucht und Ordnung – auch in anderen Bereichen: Für vergleichbar geringfügige Drogendelikte gibt’s die Todesstrafe, Homosexualität ist verboten. Wenn ein Ausländer HIV-positiv ist, wird er faktisch entrechtet und aus dem Land geworfen. Meinungsfreiheit gibt es nicht wirklich, und in Sachen Pressefreiheit fungiert das Land auf dem 158. von 180 Plätzen.

Letztlich mag es tatsächlich stimmen, dass Demokratien im Kampf gegen Corona autokratisch regierten Ländern unterlegen sind. Und ja, manchmal läuft es bei uns wirklich quälend langsam, die Organisation ist nicht immer die beste, viele halten nach Monaten der Pandemie kaum noch durch. Doch ist die Alternative, deswegen die Errungenschaften unserer Zivilgesellschaft aufzugeben? Ein kleines bisschen China oder Singapur ist nicht zu haben, wenn schon, dann bekommt man das ganze Paket. Und vor allem: Corona geht vorüber, Autokraten und Diktatoren hingegen bekommt man kaum mehr weg. Die sind nicht wie Grippe, nicht wie Covid-19, die sind wie Krebs.

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