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Darf ich überhaupt überfordert sein?

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Hashtags und schwarze Quadrate in den Sozialen Medien führen zur Überforderung.
Fabia
Bernet

Ich bin überfordert. Richtig überfordert. Gerade eben gab es nur ein Thema. Das Coronavirus war omnipräsent. Ich beschäftigte mich beruflich damit, nach dem Feierabend ging es weiter. Am Telefon mit meiner Familie, am Esstisch mit meinem Partner. Nun kommen nach und nach Lockerungen. Die Schweiz kehrt langsam zur Normalität zurück. Es gibt Tage, da wird das Thema nicht mal mehr wirklich angeschnitten.

Das langsame Verschwinden dieses Gesprächsthemas macht Platz für Neues. Und dieses Neue kommt in geballter Ladung. Und das wiederum führt mich zu meiner Überforderung.

Begonnen hat es wohl mit dem Mord an George Floyd. Bilder, die zu schrecklich sind, um sie wirklich verarbeiten zu können. Demonstrationen folgten, Solidaritätsbekundungen ebenso. Ein so wichtiger, notwendiger Diskurs entflammt neu. Das Virus verschwand von Platz eins der meistgelesenen Themen der Newsseiten. Entsprechende Hashtags und schwarze Quadrate machten sich in den sozialen Medien breit. Ehe ich mich wirklich mit der Bewegung auseinandersetzen konnte, mich einlesen, informieren konnte, war plötzlich der 14. Juni.

Der Frauenstreik jährte sich. Mit violetten Fahnen marschierten Frauen durch die Strassen um weitere Missstände aufzuzeigen. Kurz darauf machten mich diverse Posts auf Instagram darauf aufmerksam, dass man doch bitte auch Jemen nicht vergessen darf. Auch dort geht das Elend weiter. Humanitäre Krise dort, Patriarchatsvorwürfe und Lohnungleichheit hier. Dazwischen #BlackLivesMatter.

Und da sind ja auch noch immer Geflüchtete, die in Griechenland in prekären Zuständen leben. Und das mit dem Klima haben wir auch noch nicht hingekriegt. Dazwischen positive Nachrichten mit dem Ja des Nationalrates zur «Ehe für alle». Kurzes Aufatmen. Doch wie sieht es eigentlich mit dem Vaterschaftsurlaub aus?

Ich will überall eine Meinung haben. Aber eine fundierte. Ich will nicht nur Hashtags setzen, weil's grad im Internet trendet. Doch ich komme nicht mit. Ich will alles richtig machen, nicht ignorant sein, nicht nichts tun.

Ich will für Lohngleichheit einstehen, ich will meinen schwarzen Mitmenschen zuhören, mich solidarisch in die Menge der Demonstranten stellen. Ich will Pakete nach Griechenland schicken, Geld ans Rote Kreuz und an die Ärzte ohne Grenzen. Ich will, dass mein Partner irgendwann länger als ein paar Tage nach der Geburt bei unserem Kind sein kann. Ich will weniger fliegen und mehr Zug fahren.

Das alles will ich und werde doch keinem der Themen wirklich gerecht. Da treffen mich Schuldgefühle. In Zeiten, die so geprägt sind von diversen Diskursen. In Zeiten, in denen Menschen auf die Strasse gehen und für ihre Überzeugungen einstehen. Darf ich da überhaupt überfordert sein?

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