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Der Wert der Qualitätsmedien in Krisenzeiten

Der Wert der Qualitätsmedien in Krisenzeiten

Uhr
Christian
Brändli

Das Informationsbedürfnis der Bevölkerung in der aktuellen Corona-Krise ist rasant gestiegen. Das bekommen nicht nur die offiziellen Anlaufstellen der Gemeinden, Kantone und des Bundes zu spüren, deren Online-Portale enorme Zugriffszahlen verzeichnen und deren Telefone heiss laufen. Auch die Schweizer Qualitätsmedien finden sehr grosses Interesse. Das zeigt sich nicht nur bei den  digitalen Kanälen, deren Klick- und Nutzerzahlen geradezu explodiert sind, sondern auch bei den von vielen schon totgesagten Zeitungen: Die Abonnementbestellungen sind momentan so zahlreich, dass sich hier die Kurve der in den letzten Jahren zugenommenen Abbestellungen verflacht. Eine Verflachung der Kurve, wie wir sie uns ja alle auch bei den Coronavirus-Ansteckungen erhoffen.

Grössere Verantwortung

Die Qualitätsmedien, ob online oder gedruckt, sind also verstärkt gefragt. Dabei nehmen sie nichts anderes als ihre bisherige Rolle wahr. Sie treten als Mittler auf, sie fragen nach, sie ordnen ein, sie vertiefen, sie übersetzen die Expertensprache, sie erklären und sie zeigen aktuell anhand konkreter Beispiele auf, was die Pandemie auf allen Ebenen für Folgen hat.   

Die Verantwortung der Massenmedien in Krisenzeiten steigt. Im Interesse der Gesamtstrategie des Landes, bei der es darum geht, möglichst glimpflich die Pandemie und deren Folgen zu überwinden, sind sie der Sachlichkeit verpflichtet. Das heisst nicht, dass sie ihrer Aufgabe als vierte Gewalt im Staat mit der kritischen Kontrolle behördlicher Entscheidungen nicht mehr nachkommen. Aber sie sollen wie üblich Fakten liefern, in der Tonalität zurückhaltend sein und ein Aufbauschen vermeiden: letztlich alles tun, um Panikreaktionen zu unterbinden. Solche können auch durch extreme Forderungen entstehen. Nötig ist ein stetes Abwägen der Massnahmen, die ergriffen werden müssen, um unser Land so unbeschadet wie möglich aus dieser Krise zu führen. Dazu gehört ganz sicher auch, dass die Wirtschaft jetzt nicht abgewürgt wird.

Information kostet immer    

Informationen für die Massen werden in der Schweiz von drei Gruppen verbreitet. Zunächst sind dies die Behörden. Dann gibt es den Service public der öffentlich-rechtlichen Sender. Und schliesslich sorgen hierzulande private Verlagshäuser für Neuigkeiten auf diversen Kanälen. Alle drei Gruppen müssen ihre Informationen finanzieren. Bei den Behörden zahlen wir das über unsere Steuergelder. Den Service public müssen wir über Gebühren finanzieren. Und die Privaten leben von der Werbung und Aboeinnahmen. Das Problem bei letzteren ist aber, dass die Werbung, die ohnehin schon seit Jahren stark rückläufig ist, wegen der Coronakrise nun fast ganz verschwunden ist. Somit bleiben den Verlagen noch die Abo-Erlöse.

Und in dieser Situation wird nun aus der Bevölkerung die Forderung laut, online alles frei zu schalten. Die Medien gehörten doch zu den Krisengewinnlern. Dabei hätten sie eine Informationspflicht. Eine solche Forderung ist widersinnig. Informationen kosten – immer. Die Branche hat erst vor relativ kurzer Zeit begonnen, sich im Netz von der Gratismentalität zu verabschieden.  Warum sollen jetzt gerade die Privaten auf ihre einzige noch verbliebene zuverlässige Einnahmequelle, die Abos,  auf ihren digitalen Portalen verzichten? Schliesslich kommt es auch niemandem in den Sinn, dass nun die Tageszeitungen gratis in alle Briefkästen verteilt werden müssten. Das Ziel ist vielmehr, dass sich die Qualitätsmedien auch online über Nutzereinnahmen finanzieren können.

Medien als Brückenbauer

Regionale Medien wie das Onlineportal «Züriost», der «Zürcher Oberländer» oder der «Anzeiger von Uster» der Zürcher Oberland Medien AG sollten in Krisenzeiten aber mehr machen als «nur» zu informieren. Sie können aktiv Hilfe vermitteln, wie dies mit der laufenden Solidaritätsaktion geschieht. Oder sie können das lokale Gewerbe unterstützen, indem sie gratis ihre Onlineplattform zur Verfügung stellen, damit die vielen mit einem Bann belegten Läden ihre Produkte wenigstens online anbieten können. Und sie können – durchaus zum eigenen Nutzen – neuen Leserinnen und Lesern mit Spezialangeboten wie dem «BleibzuhauseAbo» den Sprung über die Bezahlhürde und damit den Zugang zu einem grossen Informationspool erleichtern.

Unabhängige Titel haben ein eigenes Profil. Sie bieten Nähe, Vielfalt, Tiefe und Meinung. Sie finden in ihrer Leserschaft mal Zustimmung, mal sorgen sie auch für Ärger. Auf jeden Fall steckt viel Arbeit in ihnen von einem Team, das auch bezahlt werden muss. Wer den Wert von Qualitätsmedien erkannt hat, sollte dies auch honorieren: mit einem Abonnement,  das über die Coronakrise hinaus anhält. Und das dazu beiträgt, dass auch künftig in Krisenzeiten behördlich unabhängig informiert werden kann.

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Hinter jedem sogenannten Qualitätsmedium steht ein Eigentümer oder Aktionär, welcher möglichst viel Dividende kassieren möchte (siehe GV Tamedia: 37 Mio Dividende ausschütten, und alle Mitarbeiter auf Kurzarbeit setzen). So viel zu den Schalmeiengesängen der Verlagshäuser.