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Eine gefährliche Informations-Epidemie

Eine gefährliche Informations-Epidemie

Uhr
Malte
Aeberli

Der Mann presst mir den Lauf mitten auf die Stirn. Er kneift die Augen hinter seiner Schutzmaske zusammen. Nach wenigen Sekunden ist alles vorüber. «Puh, kein Fieber», denke ich und gehe zur Passkontrolle. 

Das Coronavirus hat uns Schweizer zu einer Risikogruppe gemacht. In Israel dürfen wir gar nicht mehr einreisen, andere Länder stellen ein Empfangskomitee in Schutzkleidung samt Fiebermess-Pistole bereit. Ein seltsames Gefühl. 

Der Schweizer Pass, jahrzehntelanger Garant für sicheres Reisen, ist heute zur Insigne der Corona-Gefahr geworden.

Italien mahnendes Beispiel

Menschen im Zug ereifern sich: «Es verdammts Gschiss macheds wäg dem bizzeli Huäschte.» Medienhype. Aufgebauschter Behördenirrsinn. Diese Worte sind Zeichen von Verunsicherung. Das Problem: Die Gefahr ist unsichtbar und auch die Schwere selbst für Experten schwierig einzuschätzen. 

Übertreiben jetzt alle? Nein. Die Entwicklung einer Epidemie kann man immer nur rückblickend betrachten. Die Fallzahlen von heute sind die Ansteckungen von letzter Woche. Der «aktuelle Stand» ist also schlicht nicht messbar.

Ein ganzes Land in Quarantäne: Italien muss schon sehr drastische Massnahmen ergreifen. (Foto: Keystone)

Die Experten denken entsprechend in Szenarien. Im besten Fall stirbt nur eine Handvoll Menschen – oder dann sterben eben tausende. Wie sowas im schlechteren Fall aussehen könnte, kann man zurzeit in unserem südlichen Nachbarland beobachten. 

Das Virus im Netz

Dennoch hat mittlerweile jeder eine Meinung zum Virus. Und in den sozialen Medien verbreitet sich diese ebenso schnell wie das virale Pendant in der Realität. Im Windschatten dieser Meinungen fliegen uns jede Menge Halb- und Unwahrheiten um die Ohren.

Zu den Fakten: Die Ansteckungszahlen und Mortalitätsraten sind je nach Expertenschätzung drei- bis zehnmal so hoch wie bei der gewöhnlichen Grippe. Wer die Infektion mit dem Coronavirus also weiterhin als schwerere Grippe abtut, dem sollte man – wie Sandro Benini im «Tagesanzeiger» richtig bemerkte – den Lohn um 90 Prozent kürzen mit der Begründung, das sei immer noch etwa gleich viel wie zuvor.

Die Krise wird unser Alltag

Zu der kruden Mischung aus Alarmismus und Leichtsinnigkeit hat sich Anfang Woche nun nackte Panik an den Börsen gesellt, die in einem schwarzen Handelsmontag samt Öl-Preis-Krise gipfelte. Die Wirtschaft und das Coronavirus kennen keine Grenzen. Die vernetzte Wirtschaft, die sich in erfolgreichen Zeiten wie ein Schwungrad in Gang hält, reisst sich in Krisentagen selbst in den Abgrund. 

Hände waschen und Ruhe bewahren: Nur das scheint in der Ungewissheit zu helfen. (Symbolfoto: Pixabay)
Symbolfoto: Pixabay

Unser Alltag ist nun im Krisenmodus. Ob es uns gefällt oder nicht. Und selbst für Experten ist es schwierig, abzuschätzen, was da tatsächlich noch alles kommt: virologisch und wirtschaftlich. 

Händewaschen, ganz einfach

Die Art und Schwere dieser Bedrohung sind neu für uns. Genauso wie die Regeln zu ihrer Bekämpfung. Dennoch sind sie erstaunlich simpel: Hände waschen, Hände schütteln vermeiden, Abstand halten, in die Armbeuge husten, bei Fieber und Husten zu Hause bleiben. 

Halten wir uns daran und bewahren die Ruhe – selbst wenn in der Öffentlichkeit mit der Fiebermess-Pistole auf uns gezielt wird. Denn sonst sind wir weniger eine Gefahr für andere Länder – sondern viel mehr für uns selbst. 

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