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Ein Label für den gesunden Menschenverstand

Ein Label für den gesunden Menschenverstand

Uhr
Lea
Chiapolini

Bioknospe, Max Havelaar, MSC oder Suisse Garantie: Labels und Gütesiegel machen es dem Konsumenten einfacher, Produkte einzukaufen, hinter denen er stehen kann. Und diese Labels werden nicht einfach grosszügig verteilt. Manch ein Landwirt verzichtet sogar auf ein offizielles Bio-Label, da der Aufwand und die Kosten dazu immens sind – obwohl er die Grundvoraussetzungen erfüllen würde. 

Bald kommt ein neues Label in die Schweizer Läden. «Oft länger gut» wird es auf diversen Produkten heissen, direkt neben dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Es dürfte das erste Label sein, das nicht an einen riesigen Katalog an Richtlinien gebunden ist, sondern an den gesunden Menschenverstand appelliert. 

Die Freude in der Bevölkerung ist gross, wie man Sozialen Netzwerken und Kommentarspalten entnehmen kann. Auch mein erster Gedanke war: Super! Und sogleich folgte im Hinterkopf: Schon bescheuert, dass es für sowas ein Label braucht. 

Klar ist: Je kürzer die Haltbarkeit eines Produktes, desto sinnvoller ein Ablaufdatum. Deshalb gibt es schon heute die Unterscheidung von den Angaben «zu verbrauchen bis» als Sicherheitsindikator für etwa Fleisch oder Fisch und «mindestens haltbar bis» als Qualitätsangabe für Vorratsprodukte. Trotzdem: Wer eine Packung in den Abfall wirft, ohne sie geöffnet und ihren Inhalt zumindest inspiziert zu haben, nur weil das Ablaufdatum erreicht war, dem habe ich ein paar ernste Wörtchen zu sagen.

Jogurt, gut gereift

Ich esse seit Jahren abgelaufene Lebensmittel. Ja in meiner Familie ist es langsam zum Sport geworden, Bilder von abgelaufenen Haltbarkeitsdaten in den gemeinsamen Whatsapp-Chat zu stellen. Vanillecremepulver aus dem Jahr 2011? Tiptop. Hartweizengriess von 2009? Ein guter Jahrgang. Die abgelaufene Pilzsauce von 2015 löste bei meiner Schwester sogar Freudenschreie aus, da die Rezeptur mittlerweile verändert wurde. Ihrer Meinung nach nicht zum Besseren. 

Doch nicht nur trockene Vorratsprodukte, auch Frisch- und Milchprodukte sind länger haltbar als gedacht. Viel länger. Den Rekord hält momentan meine Mutter, die einst ohne mit der Wimper zu zucken ein Jogurt verputzte, dessen Verfallsdatum schon ein halbes Jahr zurücklag. Weil es eben noch gut war.

Die Anti-Food-Waste-Firma «Too Good To Go Schweiz», die das Label «Oft länger gut» entwickelt hat, gibt jetzt sogar genaue Tipps, wie man untersuchen kann, ob ein Produkt noch geniessbar ist oder nicht. Nach «warte, luege, lose, laufe» kommt also «schauen, riechen, schmecken und geniessen». Sogar ein Youtube-Video zeigt, wie man den Spruch umzusetzen und das Probierlöffeli in das Glas zu stecken hat. Und die Menge jubelt. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde «Oft länger gut» eine schöne Sache. Und wirklich schön ist auch, wie sich immer alle freuen, wenn sie daran erinnert werden, dass sie einen eigenen Verstand haben.

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