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Pass doch auf!

Pass doch auf!

Uhr
Dennis
Rhiel

Heute möchte ich Sie auf eine kleine Reise mitnehmen. Wir starten morgens pünktlich zur Rush Hour mit der S-Bahn Richtung Zürcher Hauptbahnhof. In der Bahn ist’s dann voll, am Bahnhof logischerweise auch. Schon beim Einsteigen wird gedrückt und geschoben, manch einer hat sogar Mühe auszusteigen, weil die neuen Fahrgäste schon durch die Tür drängen. Geschafft, wir sind in der Bahn. Doch wohin nun? Alle Sitzplätze sind besetzt. Wenn nicht von Fahrgästen, dann von ihren Taschen. Wir suchen Augenkontakt mit den Sitzenden und hoffen, sie nehmen ihre Tasche fort. Vergeblich. Man starrt nach draussen in die Dunkelheit. Wir stehen die Fahrt über, dauert ja nicht so lange. Am Zielort angekommen quetschen wir uns die Treppen vom Gleis hinab in die Unterführung. Plötzlich ruckt es. Ein Rempler der übelsten Sorte. Jemand hatte es eilig und uns scheinbar übersehen, oder sogar extra aus dem Weg gedrückt. Wir schlucken unseren Ärger darüber runter und laufen den restlichen Weg zur Arbeit.

Warum habe ich Sie auf diese Reise mitgenommen? Um Ihnen zu zeigen, dass man auch in der Stosszeit, beim Pendeln und besonders dann, wenn man zu Fuss unterwegs ist, auf andere Mitmenschen Rücksicht nehmen kann und sollte. Sie merken, dass viele Regeln des täglichen Zusammenlebens auf dem Pendelweg zur Arbeit offensichtlich ihre Gültigkeit verlieren. Während man im Strassenverkehr um die gleiche Uhrzeit, beim Auto- oder Velofahren, Rücksicht auf andere nimmt und sogar nehmen muss, wird dies, wenn man zu Fuss und im öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, gerne ausser Acht gelassen. Oder würden Sie, um schneller voranzukommen, in den Gegenverkehr fahren und andere Autos von der Strasse schieben?

Klar, wir sind müde, es ist morgens und der tägliche Gang zur Arbeit gehört nicht zu unseren Lieblingsbeschäftigungen. Doch dies ist – mit Verlaub – unser jeweils eigenes Problem und entbindet uns nicht davon, unseren Mitmenschen auch in dieser schwierigen Phase des Tages freundlich und mit Respekt gegenüberzutreten. Heute bin ich angerempelt worden, morgen Sie und übermorgen rempeln Sie selbst, oder ich. Das muss nicht sein. Seien wir uns daher bewusst, dass nur weil wir heute Morgen noch mit unserem Ego alleine sind, wir immer noch in einer Gesellschaft leben, in der Miteinander und gegenseitiger Respekt unabdingbar sind. Denn der Begriff Stosszeit ist nicht wörtlich zu nehmen.

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Sehr geehrter Herr Rhiel

Aus Ihrem Beitrag kann man entnehmen, dass Sie noch kein waschechter Pendler sind. Wir pendeln nicht zum Vergnügen. Und wenn die S-Bahn total überfüllt ist, so wird man geschubst und gestossen. Das ist wie das Hupen im Strassenverkehr, weil Sie nicht gleich losfahren.

Wir Pendler nehmen sehr wohl auf unsere Mitpendler Rücksicht. Aber wir wollen unseren Rucksack nicht auf den Red Bull-verschmierten Boden stellen. Auf Ihr «isch do no frei» machen wir aber selbstverständlich den Platz frei. Man muss nur miteinander sprechen (es sei denn, dass die Person schläft – bitte nicht wecken, er hat das selber unter Kontrolle!).

Wenn Sie aber wissen wollen, was uns Pendler wirklich nervt, dann sind dies Gruppenreisen welche ganze Wagons belegen ohne dafür bezahlen zu müssen, Wanderstöcke die uns um den Kopf gehauen werden, Schulklassen welche zur Rushhour unterwegs sind, oder ganz einfach eine nicht funktionierende Rolltreppe. Am Ende zählt auch bei uns die Zeit, darum laufen wir die Rolltreppe in der Regel hoch.

Versüsst wird glücklicherweise das Pendlerleben mit Werbe-Verteilaktionen, was wir gerne annehmen und uns immer (!) darüber freuen. Coca Cola an heissen Tagen, ein Joghurt, Katzenfutter, Wernli nimmt man gernli, etc. – wir freuen an den Spenden an das Pendlervolk.

Freundliche Grüsse

Thomas

Sehr geehrter Herr Rhiel,
Vielen dank für Ihren Bericht! Ich stimme Ihnen zu dass in userer heutigen Gesellschaft mehr auf unsere Umwelt und Mitmenschen achten sollten.
Hoefflichkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft sollten in unserer hochgebildeten Gesellschaft selbstverständlich sein jedoch scheint dies mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten.
Ihnen alles gute für ihre nächste Zugfahrt. Und bleiben sie bitte weiterhin ein Gentleman.
Freundlich grüßt sie
Markus