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Willkommen in der Gesellschaft

Willkommen in der Gesellschaft

Uhr
Eva
Kurz

«Eva, seisch du öppe allne Grüezi?!» Ich war etwa fünf, als mich meine Tante zu sich nach Zürich einlud, und ich mit Mutti vom Land zu ihr in die Stadt fuhr. Wir trafen uns beim Central und spazierten zusammen durchs Niederdorf. Ich hüpfte den beiden Schwestern hinterher. Beide Anfang zwanzig, am Plaudern, Lachen – sie hatten sich eine Weile nicht gesehen. Und ich: Ja, klar sagte ich allen «Grüezi». Nicht unbedingt motiviert, aber ich fühlte mich recht gut dabei. Dass man sich auf der Strasse grüsst, war, soweit ich mich erinnere, die erste Anstandsregel, die man mir beibrachte. Und ich wandte sie gekonnt an.

Die beiden Frauen hatten sich also abrupt zu mir gedreht, bevor sie sich vor Lachen krümmten. Was mich ehrlich etwas ­ärgerte. Wieso soll man in der Stadt nicht grüssen? Es gäbe hier zu viele Menschen, um sie alle zu grüssen, weshalb man ganz darauf verzichte. Okay. Es erklärte zwar die belustigenden Blicke der Passanten nicht, doch ich beliess es dabei.

Weil ich wissen wollte, was ­andere vom Grüssen halten, sprach ich mit einem Bekannten darüber. Dieser ist Autor und Journalist, 70 Jahre alt, stolz auf sein abenteuerliches Leben und nicht nur nicht auf den Kopf, sondern schon gar nicht auf den Mund gefallen. Er erzählt, er fühle sich leicht unwohl dabei, fremde Leute grüssen zu müssen. Und das seit seiner Kindheit.

Doch er erinnere sich an ein Erlebnis, als er etwa sechs Jahre alt war. Er sei mit seinen Eltern durch das Berner Oberland gewandert, wo man das «Grüezi» der Eltern mit «Grüessech» erwiderte. ­Irgendwann sagte der Kleine ebenfalls «Grüessech». Er fühlte sich dabei ganz schön tollkühn. Denn mit dieser kleinen Nachahmung wollte er sich eigentlich über die Einheimischen lustig machen.

Natürlich merkten die das nicht und dachten höchstens: Was für ein netter Junge. Für ihn sei das aber ein erster Schritt in die Individua­lisierung gewesen. Es gab ihm ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung – er habe gemerkt, dass er selber bestimmen konnte, wie andere ihn wahrnehmen sollen. Das habe er mit dem «Grüessech» zum ersten Mal getan. Man müsse im Leben eben lernen, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen.

Das Grüssen ist also nicht nur eine Floskel, nicht nur Höflichkeit. Wenn Eltern ihren Kinder beibringen, «Du muesch Grüezi säge», geben sie ihnen damit quasi den Schlüssel für die Tür zur Gesellschaft. Dass ein netter Gruss für dieses grosse Theater zu wenig Text ist, merken die Kinder spätestens im Kindergarten. Trotzdem sollte man sich immer an diese erste Benimmregel zurückerinnern und sie praktizieren. Denn ein nettes «Grüezi» zeigt auch ­Anerkennung und verbindet. Und das öffnet immer wieder die eine oder andere Tür.

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