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Sexismus – es geht doch um das Ausmass

Sexismus – es geht doch um das Ausmass

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Männer und Frauen werden im Arbeitsalltag noch immer anders behandelt. Das muss ich ändern, und dazu braucht es auch die Männer.
Männer und Frauen werden im Arbeitsalltag noch immer anders behandelt. Das muss ich ändern, und dazu braucht es auch die Männer.
Foto: Pixabay
Tanja
Bircher

Kürzlich publizierte diese Zeitung einen Artikel mit dem Titel «Frauenfeinde unter sich». Er handelt von Verschwörungsforen, in denen sexuell unzufriedene Männer den Frauen die Schuld an ihrem Leiden geben. Die sogenannte «Incel»-Bewegung breite sich aus und werde immer gefährlicher, so der Autor.

«Das gibt es sicher auch umgekehrt», war die erste Reaktion eines männlichen Kollegen auf die Schlagzeile. Eine Reaktion, die ich immer wieder von Männern höre, wenn es um Sexismus gegenüber Frauen geht. Ich verstehe das Bedürfnis ja, das eigene Geschlecht zu verteidigen oder nicht mit diesen Männern in den gleichen Topf geworfen zu werden. Ja: Es gibt auch Frauen, die Männer hassen. Wie es auch Frauen gibt, die Männer belästigen und Männer gibt, die weniger verdienen. Es geht doch aber um das Ausmass. 

Beispiele aus dem Arbeitsalltag

Wir sprechen hier von Foren mit über 40’000 Mitgliedern, von Männern, die Vergewaltigungen und Mord als legitime Mittel betrachten, um die angebliche Unterdrückung durch die Frauen zu beenden. Das verdient eine andere Reaktion als: «Das gibt es sicher auch umgekehrt.» Erzählt einem ein Afroamerikaner, er werde täglich wegen seiner Hautfarbe beschimpft, entgegnet man auch nicht: «Mich hat man auch schon einmal bleich genannt.»

Folgende Beispiele stammen von weiblichen Berufskolleginnen: Ein Politiker fragte die am Pressetisch sitzende Journalistin, ob der Kollege auch noch komme. «Es wird eben eine anspruchsvolle Diskussion mit vielen Zahlen.» Ein anderer Politiker legte der Journalistin seine Hand aufs Knie: «Es ist schön, wieder einmal etwas Hübsches ansehen zu dürfen.» Nach einem Interview küsste der rund 80-jährige Kampfsportmeister die Journalistin ungefragt auf den Mund. Eine andere Journalistin wird regelmässig am Telefon «junges Mädchen» und «Liebes» genannt. Diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Diskurs der Frauen ist akuter

Jenen, die jetzt denken, «Das war doch nett gemeint, kann die kein Kompliment annehmen?», sei gesagt: Im Arbeitsleben schätzen die wenigsten Frauen solche Kommentare. Auch wenn eine gute Absicht dahinter steckt, sind sie herabwürdigend, objektifizierend und diskriminierend, weil eben Männer in derselben Position keine solchen «Komplimente» erhalten. Oder um ganz korrekt zu sein: viel, viel, viel seltener.

Bei meiner Umfrage meldete sich ein einziger Kollege, der einst von einer Mitarbeiterin auf digitalem Weg sexuell angemacht worden war. Alle anderen sagten: «Ich wurde noch nie sexuell belästigt.» Einige offerierten mir aber Geschichten von ehemaligen Arbeitskolleginnen, die ebenfalls Opfer von Sexismus geworden waren. 

Ich wünsche mir deshalb, dass der Impuls vieler Männer verschwindet, gleich auch an die männlichen Sexismusopfer zu erinnern. Solange sich der Diskurs noch um die Männer dreht, kommt jener der Frauen nicht voran. Und der ist jetzt schlicht akuter. Ziehen aber alle am selben Strang, braucht es Gespräche über Foren für Frauenhasser vielleicht bald nicht mehr.

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