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Nehmt mir meine Freiheit

Nehmt mir meine Freiheit

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SCHWEIZ KLIMADEMONSTRATION
Junge Demonstranten marschieren waehrend einer Klimademonstration durch die Stadt Bern, am Samstag, 2. Februar 2019 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Lea
Chiapolini

Am Samstag nahm ich an der Klimademo in Zürich teil – meine erste Demonstration. Die Stimmung war grossartig, mitreissend und inspirierend. Ich war stolz, Teil dieser Bewegung zu sein. Zumindest für eine kurze Zeit. Denn als ich meinen Blick über die unzähligen Schilder schweifen liess, die von den Demonstranten höchst kreativ beschriftet und bemalt worden waren, wurde es mir plötzlich etwas enger in der Brust. Darf ich überhaupt hier sein? 

Ich habe in diesem Jahr bereits zweimal Ferien geplant, in die ich mit dem Flugzeug reisen werde. Vielleicht kommt noch eine Reise dazu. Oder zwei. Ich bin weder Vegetarierin noch Veganerin. Ich besitze ein Auto. In meiner Tasche befindet sich kein Fairphone, sondern ein iPhone. Und jetzt stehe ich hier inmitten dieser Aktivistengruppe? Natürlich will ich das Klima retten und meinen zukünftigen Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen. Aber... 

Demonstrantinnen auf dem Weg zu einer Klimademonstration, am Samstag, 2. Februar, in Bern. (Foto: Keystone)

Wie viele «aber» sind zu viel, um sich glaubwürdig für eine gute Sache einsetzen zu können? Wasser predigen und Wein trinken – ein Konzept, das seit Tausenden von Jahren fest in den Menschen verankert ist. Wir sind zu bequem, sind Weltmeister im Wegschauen. Und so lege ich Meter um Meter in der Zürcher Innenstadt zurück, um Menschen in Machtpositionen dazu zu bringen, den Schritt zu machen, den ich selber nicht schaffe. 

Aber ist dies tatsächlich so verkehrt, oder in unserer Welt mittlerweile einfach nötig? Hätten wir heute Richtlinien für Gebäudedämmungen, das Verkaufsverbot von Glühbirnen oder Grenzwerte für den CO2-Ausstoss bei Autos, wenn sich für ein bestimmtes Anliegen nur perfekte Repräsentanten einsetzen würden? Hätte diese Handvoll Personen mit ökologischem Heiligenschein Gehör gefunden? 

Aktuell gehen Menschen für das Klima auf die Strasse, die wohl kaum Selbstversorger sind und vielleicht nicht einmal konsequent auf das Fliegen verzichten. Aber sie würden aus eigenen Stücken einen Teil ihrer Freiheit abgeben und Einschränkungen akzeptieren. Nur so kommt Veränderung zustande. 

Jeder kennt seinen inneren Schweinehund. Jeder zahlt grundsätzlich lieber weniger als mehr. Jeder geht lieber den einfachen als den schwierigen Weg. Wir Menschen brauchen Gesetze, um uns selber voranzutreiben und uns vor uns selbst zu schützen. Wir sind zu viele, als dass unsere natürliche soziale Ader noch funktionieren würde, denn die Auswirkungen unseres Handelns entziehen sich unserem direkten Blick und damit scheinbar auch unserem Einfluss. Darum muss die CO2-Kompensation zum Standard erhoben werden. Dies führt dazu, dass exzessives Handeln verteuert wird und gleichzeitig können dadurch nachhaltige Projekte finanziert werden. 

Nur eine Gesellschaft, die bereit ist, etwas zu ändern, setzt neue Richtlinien und Gesetze fest. Vielleicht wurde sogar die Vereinbarung, dass Glühbirnen in der Schweiz nicht mehr verkauft werden dürfen, noch im Licht einer solchen unterschrieben. Hauptsache, sie ist es jetzt. 

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