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Das Müggli und das Schwein

Uhr
Thomas
Bacher

Es ist schon ein paar Jahre her. Ich las ein Buch, doch da war ein Insekt, das mir dauernd vor der Nase rumflog. Es war irgend so ein Müggli, eines dieser winzigen, harmlosen Dinger, die man eigentlich im Alltag kaum jemals wahrnimmt. Aber in jenem Moment nervte es.

Als sich das Müggli auf der Buchseite niederliess, kaum grösser als ein Punkt, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und klappte das Buch zu. Danach war das Müggli ein bisschen grösser als ein Punkt, ausserdem recht flach, und letztlich ziemlich tot.

Dann passierte es. So wie man es in Trickfilmen manchmal sieht, erhob sich die Seele des totes Mügglis aus ihrem zerschmetterten Insektenkörper und schwebte langsam empor. Als die Seele auf Augenhöhe war, stoppte sie ihren Flug und sagte: «Na, Alter, ich musste also sterben, nur damit du deine Ruhe hast. Bist du jetzt zufrieden?»

Dass eine Müggli-Seele mit mir sprach, verwunderte mich nicht sonderlich; ich höre und sehe relativ häufig Dinge, von denen ich meinen Mitmenschen lieber nichts erzähle. Beeindruckt hat mich vielmehr die Ruhe, mit der das Müggli mein Tun infrage stellte.

Je mehr ich mich den Worten des Mügglis auseinandersetzte, umso mehr schämte ich mich für diese sinnlose und verwerfliche Tat. Und weil ich sehr sensibel bin, beschloss ich, dass fortan kein Tier mehr wegen mir sterben sollte. Mit der Konsequenz, dass ich komplett auf pflanzliche Ernährung umstellte.

Weil ich aber nicht nur sehr sensibel, sondern auch schrecklich inkonsequent, schwach und ignorant bin, wurde ich bereits nach zwei Wochen einer dieser mittlerweile weitverbreiteten Vegetarier, die «eigentlich nur noch sehr selten Fleisch» essen.

Den Müggli-Vorfall habe ich dennoch bis heute nicht vergessen. Jedes Mal, wenn ich eine 3,5-Kilo-Schweineschulter aus dem Kühlregal hieve, halte ich kurz inne und frage bei der Seele des ermordeten und zerstückelten Schweins nach, ob es denn recht sei, dass ich ein Teil von ihm esse. Schweigen werte ich als stilles Einverständnis.

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