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Bin ich unsichtbar?

Uhr
Thomas
Bacher

Viele Menschen beklagen sich darüber, dass sie mit zunehmendem Alter für ihre Umwelt immer unsichtbarer würden – als unscheinbarer Teil einer graumelierten, faltigen, wabbeligen, leicht müffeligen Masse. Zu jung fürs Altersheim, zu alt und zu unattraktiv, um vom anderen oder gleichen Geschlecht für den Austausch von Körperflüssigkeiten auch nur im Entferntesten in Betracht gezogen zu werden.

Ich habe dieses Problem zum Glück nicht. Denn ich sehe nach wie vor blendend aus, sprühe förmlich vor Virilität, habe einen klaren Blick, einen federnden Gang, stets ein spitzbübisches Grinsen auf den Lippen.

Oder mache ich mir am Ende doch selber was vor? Schliesslich scheint sogar mein Auto unsichtbar zu sein, und das ist deutlich jünger als ich. Es ist wohl einfach nicht zu sehen – anders kann ich mir die vielen Parkschäden nicht erklären. Die Dellen sind mittlerweile dermassen zahlreich, dass das Auto aussieht, als hätte es Cellulite. Und wöchentlich kommen neue hinzu.

Die vielen Rempler haben dazu geführt, dass ich aufgrund der Lackrückstände anderer Autos auf der Karosserie im Fahrzeugausweis eine neue Farbe eintragen lassen musste: «kunterbunt gefleckt» statt «geil schwarz glänzend».

Neulich war es besonders schlimm. Erst fuhr mir einer im Kreisel vor die Nase, dann einer aus einer Garagenausfahrt, dann auf der Autobahn, dann verweigerte mir einer den Rechtsvortritt, ein Fussgänger latschte einfach so auf die Strasse, als ob ich gar nicht da wäre, sogar eine rot getigerte Katze stand gleichgültig auf der Quartierstrasse rum, sodass ich um sie rumfahren musste.

Die Erkenntnis war schmerzhaft, aber angesichts der Beweislage konnte ich mich nicht mehr selber belügen: Ich und mein Auto, wir sind ganz offensichtlich unsichtbar. Doch genau in dem Moment blitzte es hinter mir. Erst ärgerte ich mich, dann empfand ich es als tröstlich: Wenigstens die semistationäre Geschwindigkeitsmessanlage der Stadt Dübendorf nimmt mich wahr.

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