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Die trojanische Tasche

Uhr
Laura
Hertel

Nebenberuflich arbeitete ich einige Jahre lang als Verkäuferin in einem Warenhaus. Gerade in der Zeit vor Weihnachten bedeutete dies kein himmlisches Idyll. Eher einen Höllenstress. Im Konsumrausch überfluteten die Massen die Gänge, schränzten Waren aus den Regalen, durchwühlten die Kleiderstangen, bis auch das letzte Stück zerknüllt am Boden lag, das dann vom nächsten Einkaufswagen überrollt wurde, und schleppten Berge an Material in Richtung Kasse. Dort angekommen regte sich die Kundschaft dann sichtlich über die Warteschlange auf. Nichtsdestotrotz liess es sich kaum jemand entgehen, die gekauften Dinge von uns Mitarbeitenden fein säuberlich einpacken zu lassen – schliesslich waren diese fast ausnahmslos zum Verschenken vorgesehen. Jedes Mal, wenn sich wieder jemand mit einem Einkaufskorb gefüllt mit unförmigen Glasvasen oder mit einem Plüscheinhorn in der Grösse eines Kleinwagens in die Reihe gesellte, begannen unsere Finger bereits prophylaktisch zu zittern, die Wangen glühten und die Schweissdrüsen arbeiteten mit Hochdruck.

Als ich einst im ununterbrochenen Einpackwahnsinn und unter enerviertem Geschnaube der Kundschaft eine Handtasche überraschend schön in Papier gehüllt hatte, und nur noch das Geschenkband fehlte, war die Schere plötzlich unauffindbar. Um keine Zeit zu verlieren, riss ich das Band hektisch von Hand ab. Während ich der Kundin das Paket überreichte, spürte ich durch das Geschenkpapier hindurch einen kleinen, harten Gegenstand: Zwei geschwungene Schlaufen, die in eine Spitze mündeten. Unbemerkt hatte ich also die Schere mit eingepackt. Der Kundin sagte ich aus Selbstschutz nichts, flötete „frohe Festtage“ und liess sie mit dem Paket ziehen. Ein unverhofftes Zusatzgeschenk an die Empfängerin, dachte ich mir. Später erzählte ich einer Kollegin vom Vorfall. Sie meinte, dass man eigentlich keine Scheren und Messer verschenke, denn dem Aberglauben nach sollen diese das Band der Freundschaft zerschneiden. So hatte ich also in einem gewissen Haushalt eine Art trojanisches Pferd unter den Weihnachtsbaum geschmuggelt. Ein schlechtes Gewissen habe ich dennoch nicht: Die Schere würde gleich dazu dienen, die ohnehin grottenhässliche Tasche zu zerstören. Und mit einer Person, die einem ein solch scheussliches Weihnachtsgeschenk beschert, will man wohl sowieso nicht befreundet sein. Deshalb: Bitte, gern geschehen.

 

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