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Ay Carambar!

Uhr
Laura
Hertel

Wer kennt sie nicht, die langen Karamellbonbons in der kultigen, gelben Papierverpackung? Als Kind liebte ich Carambar, nur waren meine Eltern leider gar keine Fans der Süssigkeit. Diese sei wahnsinnig schlecht für die Zähne. Die braune Kaumasse, die sich für Stunden auf und zwischen die Zahnkronen legt – ein Schlaraffenland für ein Heer von Zahnteufeln mit ihren kleinen Bohrmaschinen und Pickelwerkzeugen. Um zu verhindern, dass mein Gebiss zum Biotop für die fiesen Winzlinge wird, liess ich für eine Zeit lang die Finger von Carambar.

Doch im Jugendalter glaubte ich längst nicht mehr an Zahnteufel. So war ich in einem Lager die erste, die beherzt zugriff, als ein Freund auf einer Wanderung eine Packung Carambar aus seinem Rucksack kramte. Gierig stopfte ich mir das ganze Bonbon in den Mund und kaute drauf los. Irgendwie war das Ding noch zäher als sonst und ausserdem beherbergte es zwischen der zergehenden Klebesubstanz neuerdings einige knusprige, harte Stücke. Eine gelungene Innovation des traditionellen Süsswarenherstellers, wie ich zunächst erfreut feststellte – bis mich der Freund entgeistert anstarrte. «Dein Zahn ist weg», meinte er. Ungläubig fuhr ich mit der Zunge den Zahnreihen entlang und tatsächlich: An der Stelle meiner linken Schaufel klaffte eine riesige Lücke. Vom Zahn – übrigens kein Milchzahn mehr – waren nur noch vereinzelte Splitter im braunen Zuckerklumpen vorzufinden, den Rest hatte ich als vermeintliche Karamellstücke bereits verschluckt.

Seither glaube ich nicht nur wieder an die Existenz von Zahnteufeln, sondern auch an die von Carambarbaren – und diese sind noch viel böser. Sie brauchen keine Bohr- und Schlagwaffen, um zu zerstören, sondern greifen mit blossen Händen an, was viel effizienter ist. Sie leben in gelben Papieren, und wenn diese geöffnet werden, springen sie heraus und rufen «Ay Carambar!». Sofort umzingeln sie dann den Zahn der Begierde und reissen ihn mit vereinter Klebkraft ruckartig heraus. Berichten zufolge können Carambarbaren insbesondere bei älteren Menschen auch ganze Gebisse entfernen.

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