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Harmlose Kindergeschichte? Von wegen.

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Wer hat den Grössten? Darum gehts bei «Schellenursli». (Foto: Graubünden Tourismus)
Deborah
von Wartburg

Kürzlich lief im Fernsehen der Schellen-Ursli-Film. Ein harmloser Schweizer Klassiker könnte man meinen. Da geht es um einen armen Jungen, der ein Risiko eingeht, um seine Träume zu verwirklichen. Nach einem Abenteuer in der Wildnis wird er reichlich belohnt. Von wegen! Ich finde, dass dieses sogenannte Kinderbuch nach heutigen Massstäben komplett neu beurteilt werden sollte. Denn eigentlich geht es in dem ach so herzigen urchigen Schweizer Kinderbuch doch um Folgendes:

Die perspektivlose männliche Jugend in einem Bergdorf hegt, aufgewachsen in einer patriarchalen Gesellschaft, keine anderen Wünsche, als die grösste Glocke beim Dorfumzug, dem Chalandamarz,  tragen zu dürfen. Damit sollen dann die Dorfmädchen beeindruckt werden. Denn wer die Grösste oder den Grössten trägt, dem liegen ja bekanntlich die Frauen zu Füssen. Der kleine Macho Schellen-Ursli hatte sich durch ein Geschenk seines Onkels bereits die grösste Glocke gesichert. Doch nun steht ihm ein weiterer chauvinistischer Typ im Weg: Der reiche Bürgermeistersohn luchst ihm mit dem Geld seines Vaters die grosse Glocke ab. Den Grössten kann man also einfach käuflich erwerben, etwa in Form eines schicken Autos. Schellen-Ursli bringt sich also in höchste Gefahr, stirbt fast, um schliesslich doch noch an eine andere grosse Glocke zu kommen, die irgendwo in einer Hütte hängt. Damit legt er eindeutig ein selbstaggressives Verhalten an den Tag um zweifelhafte Ziele zu erreichen. «Toxic Masculinity», sag ich da nur.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde nicht, dass Schellen-Ursli aus dem Bestand genommen oder abgeändert werden soll. Ich finde nur nicht, dass es sich bei der Geschichte um ein harmloses Kinderbuch handelt. Eigentlich hält es nämlich auf genial direkte Weise einer toxischen und patriarchalen Männergesellschaft den Spiegel vor, die anstatt gemeinsam ihre soziale Situation zu verbessern, untereinander einen – entschuldigen Sie das Wort – pubertären Schwanzvergleich startet, der einzelne Mitglieder in Todesgefahr bringt. Eine Geschichte also, die besser zwischen John Steinbecks und T.C. Boyles Werken stehen sollte, als zwischen Johanna Spirig und Astrid Lindgren.

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